Der dunkle Vogel

Gestern Nacht mal wieder von meinem eigenen Schrei aufgewacht. Ich weiß nie, was für ein Traum dem vorrausging. Seitdem ist die Stimmung im Keller. Gestern war der Tag so friedlich und ich ganz zuversichtlich und entspannt. Und seit heute Nacht also ist der dunkle Vogel wieder da und hat seine Schwingen auf mein Herz gelegt.

Und so viele Gedanken. Unzufriedenheit und Sorge. Und Angst um mein Augenlicht. Es wird wieder besser. Es wird wieder besser. Es wird wieder besser. So sage ich mir das auf. So ist es in den meisten Fällen ja auch. Aber ja. Aber wenn? Und das Auge war doch schonmal betroffen. Was, wenn die Heilung deshalb dieses Mal nicht so gut läuft. Was wenn ich dann nicht mehr arbeiten kann? Was wenn? Ja, was wenn? Es werden sich auch dann Lösungen finden. Wege. Neues wird sich auftun.

Und wieso bin ich eigentlich so froh, dass mein Kind nicht bei mir ist jetzt? Einfach in den Tag hinein leben, entspannen, schlafen, meditieren, essen … das hätte ich längst einmal gebraucht. Vor dem Schub. Dann wäre es vielleicht gar nicht zu dem Schub gekommen? Oder ist das ein Märchen, dass man selbst Einfluss nehmen kann? Und es ist doch mein Kind. Ich muss für sie da sein. Gute Mutter sein. Funktionieren. Und Geld herbei schaffen. Und die Arbeit macht mir aber auch Spaß und erfüllt mich. Ich liebe meine Arbeit. Und meine Kunst. Das Schreiben. Ich brauche das. Es ist wie Atmen. Und ich habe das vernachlässigt, links liegen gelassen. Weil ich immer müde bin und dann arbeiten gehe und dann Zeit mit dem Kind verbringe und einkaufen und Wäsche waschen und den Haushalt und kochen (was ich liebe und gern tue. Eigentlich.). Und dieses blöde Wäsche aufhängen und wieder einsortieren. Ich hasse das. Und Yoga, joggen gehen, mich um meine Gesundheit kümmern, was für mich tun. Zur Physiotherapie gehen, noch ein Termin. Wann habe ich zuletzt meine Freunde angerufen? Wo ist da Luft? Und vor allem: Wo ist die Freude geblieben?

Ich ärgere mich über XY, über meine Mutter, über mich. Alles geht mir auf die Nerven. Auch mein Kind. Es ist nicht so, dass ich nicht versucht habe, mir Freiräume zu schaffen. auch nicht, das ich gar keine habe. Ich kann manchmal in Ruhe einen Tee trinken und ich kann zum Yoga gehen. Das ist viel. Andere haben das nicht. Oder? Ich fahre sogar einmal im Jahr für ein Wochenende, zuletzt sogar eine Woche ohne Kind in den Urlaub.

Ich will nicht so eine werden, so eine verbitterte nach Jahren des allein erziehens. Und XY ist ja auch irgendwie da. Aber eben auch nur irgendwie. Heute habe ich endlich eine Zusage für einen Hortplatz bekommen! Mich so gefreut! Ein schwerer Stein, der von meinem Herzen fiel. Aber XY hab ich es gar nicht erzählt. Weil er sich nicht drum gekümmert hat. Dabei will er doch auch arbeiten und braucht wahnsinnig viel Zeit für seine Kunst. Und was wäre gewesen, wenn wir keinen Platz bekommen hätten in diesem Jahr? Was kümmerts ihn? Irgendwer wirs schon richten! Ich oder sonst eben die Omi. Für ihn ist immer der Weg frei. Jaja, da klingt sie schon durch die Bitterkeit, die ich nicht will. Vielleicht geht kein Weg daran vorbei. Vielleicht ist Bitterkeit einfach ein Aroma, das zum Leben dazu gehört. Nur ausgewogen muss es bleiben.

Es darf nach diesem Schub nicht einfach wieder so weiter gehen wie zuvor. Seit Monaten war mir das schon klar, dass sich was ändern muss. Das ich was ändern muss. Und doch habe ich keinen Weg gefunden. Und sehe ihn auch jetzt noch nicht. Ich hänge fest wie eine Fliege im Netz.

 

 

 

 

3 Kommentare zu „Der dunkle Vogel

  1. Hallo, ich habe Respekt vor Deinem offenen Beitrag und kenne es irgendwie mit dem festgefahren sein. Eins ist wichtig, nicht aufgeben. Ich gratuliere dir zu der Zusage zum Hortplatz und ich schicke Dir viel Kraft. Liebe Grüße Sven

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    1. Vielen Dank, lieber Sven. Es ist gut zu wissen, dass sich das jemand durchliest und zuhört. Es sind teilweise Worte, die ich nie gesagt habe. Und wenn es niemand weiß, wie ich mich fühle, dann komm ich mir so fremd vor in der Welt. Deshalb habe ich das Blog eröffnet. Um mich zu zeigen. Und um endlich wieder zu schreiben. Auch wenn das so unsortiert ist hier. Erstmal einfach schreiben. Vielleicht tut sich dann ja ein Weg auf. Im Moment fühle ich mich einfach nur gefangen.

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      1. Ich habe auch vor einem Jahr angefangen hier .zu schreiben . Es befreit auch. Ich sage immer nur Geduld, der Weg findet sich. Eher vielleicht als man denkt. Ich finde es schön, dass Du Dich hier zeigst. Liebe Grüße Sven

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