Ein Leben in Angst

Angeregt durch einen Dialog mit elefantenblau will ich nun auch endlich mal über meine Ängste schreiben. Dies war ja eigentlich einer der Hauptgründe, warum ich dieses Blog eröffnet habe. Dann kam aber erstmal der Schub (Multiple Sklerose) dazwischen und hielt mich geistig beschäftigt. Wobei Schübe natürlich auch sehr Angsttriggernd sein können. Dazu schreibe ich später mal etwas.

Ich fange mal klein an.

Heute Morgen habe ich ein Medikament in einer hohen Dosierung eingenommen: Kortison. Bevor ich das getan habe, habe ich mich ganz gut abgesichert, – habe meine Blutwerte kontrollieren lassen zum Beispiel. Meine Neurologin hätte mir die Tabletten auch ohne diese Maßnahme ans Herz gelegt. Mehr noch: Statt der 100 mg die ich jetzt nehme, wollte sie mir 2000 mg per Infusion verabreichen. Ich schrieb hier schon etwas dazu.

Ich habe mir auch den Beipackzettel und die möglichen Nebenwirkungen durchgelesen – und bin zum Glück zu dem Schluss gekommen, dass es unwahrscheinlich ist, dass ich eine dieser Nebenwirkungen zu spüren bekomme. Ich nehme die Tabletten ja auch nur drei Tage lang.

Trotzdem hatte ich nach meinem Entschluss die Medikamentation durchzuziehen Angst. Gestern im Laufe des Tages musste ich mich immer wieder selbst beruhigen – und ich gebe zu, ich habe auch ganz schön viel die Suchmaschine bemüht (nee, nicht g***e, ich nutze ecosia).

Nun habe ich aber auch eine Art Trick angewandt: Ich habe mir immer wieder bewusst vorgestellt (visualisiert), wie das Medikament mir ausschließlich Gutes tut. Ich nehme es, damit es mir hilft. Ich habe also aufgehört es als eine Art Feind zu betrachten. Und das hat tatsächlich funktioniert. Ich konnte die Tabletten heute Morgen recht entspannt einnehmen und hoffe nun in erster Linie darauf, dass es die Sehnerventzündung eindämmt die mich gerade so belästigt.

Hier – anonym – kann ich locker über all das schreiben. Aber wie sieht’s in meinem „echten“ Leben aus? Anders. Da ist mir meine Angst nämlich peinlich. Ich schäme mich dafür. Obwohl ich sicher bin, ja, weiß, dass es außer mir noch gaaanz viele andere Menschen mit genau dieser Angst gibt. Wofür schäme mich also? Dafür nicht total abgeklärt zu sein? Dafür nicht einfach nur kühl berechnend zu sein? Dafür eine Schwäche zu haben? Dafür, längst nicht so tough zu sein, wie viele von mir glauben, dass ich es bin? Dafür, nicht perfekt zu funktionieren? Dafür, dass ich so bin wie ich bin, etwa? So fühle, wie ich fühle?? So ist es wohl. Und wenn ich das lese, finde ich es vor allem eins: traurig. Denn ich bin doch ein liebenswerter Mensch, trotz, nein gerade wegen meiner Schwächen.

Aber das müssen Teile von mir erst noch lernen. Für jetzt gerade bin ich erstmal froh und stolz, dass ich für heute diese Angst überwinden konnte. Für mich.

3 Kommentare zu „Ein Leben in Angst

  1. Du sprichst mir aus der Seele. Sehr sogar!
    Als ich 16 Jahre alt war bekam ich Schlafstörungen und habe ein Jahr lang mit niemandem darüber geredet, weil ich mich geschämt habe, dass ich etwas derart alltägliches wie das Schlafen nicht mehr hinbekomme. Und bis heute fühle ich mich wie ein großer Versager, wenn es darum geht laut auszusprechen, dass ich in diesem Bereich eine Art besondere Behandlung brauche. Dass ich in Gruppenurlauben vorher wissen muss, wo ich schlafe, Massenunterkünfte gehen gar nicht, kein Zelten. Und immer dann druckse ich verschämt herum und bin mir selbst unangenehm.
    Ich finde Ängste beginnen schleichend von einem Besitz zu ergreifen, dann lebt man damit, bis man es irgendwann nicht mehr aushält, weil diese Angst zu einem Gefängnis wird. Ich denke ich bin ein ängstlicher Mensch, wenngleich ich mich(wenn ich mal nett zu mir bin) mich in vielen Bereichen doch echt mutig finde. Ich habe aber auch sowas von gemerkt, was es mit mir macht, wenn ich mich der Angst dauerhaft ergebe. Ich werde ängstlicher, ängstlicher und ängstlicher. Bis das, was ich letzte Woche noch okay fand mir plötzlich Angst macht.
    Deshalb versuche ich nun mich hin und wieder zu kleineren Aufgaben zu überwinden, die mir nicht sehr leicht fallen – mich aber auch nicht gänzlich überfordern.
    Eine Angststörung ist da nochmal was anderes, wovon ich bisher nur einen kurzen Zeitraum betroffen war. Diese Angst fühlt sich so echt und zerstörerisch an. Ich würde dir gerne ein Buch empfehlen, das mir neulich ein bisschen geholfen hat: Gefühle verstehen/Probleme bewältigen. Das gibt es glaube ich auch in Bezug auf Angst und Panik und wenn es so ist, wie das oben genannte, dann kann ich es wirklich nur empfehlen!

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    1. Danke elefantenblau. Das Buch kenne ich (beide), Ich habe sie schon vor vielen Jahren mehrfach gelesen. Mir hat es leider wenig geholfen. Die Angst ist seit meiner Kindheit so manifest und ich habe in Selbsttherapie so viel auch einfach falsch gemacht. Seit 30 Jahren kämpfe ich mit der Agoraphobie, länger noch mit anderen Ängsten. Leider gab es als ich 12 war noch nicht so viele Möglichkeiten und Aufklärung wie heute, hätte ich damals eine Behandlung bekommen, vielleicht würde mein leben heute anders aussehen. Es geht nur sehr langsam voran bisher. Es ist nicht so leicht die Angstautobahnen im Gehirn durch neue Wege zu ersetzen. Ich bleibe dran. Danke Dir für Dein Mitgefühl! Das hilft mir.

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      1. Klar – wenn ich auf mich selbst zurückschaue sehe ich viele Jahre, in denen ich schrecklich mit mir umgegangen bin und sich die psychischen Probleme mehr und mehr manifestierten. Und das ist sehr hart aber wahr – etwas, das man jahrelang aufgebaut hat, lässt sich nicht in kurzer Zeit wieder einreißen. So schön es auch wäre, würde auf Selbsterkenntnis gleich Heilung folgen.

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