Wie alles begann – Agoraphobie und andere Ängste, Teil 1

Meine erste bewusst als solche erlebte Panikattacke hatte ich im Alter von 13 Jahren in einem Einkaufzentrum. Es war Sommer und wir verbrachten zwei Wochen in den Ferien bei meinem Opa in der Nähe einer Großstadt. Es war das Jahr in dem mein Vater ausgezogen war.

Ich war mit meiner Mutter unterwegs, wir waren in einem Kaufhaus ganz am Ende der Einkaufspassage –  von hier aus, war der Ausgang am Weitesten entfernt.

Meine Mutter wollte in der Schuhabteilung gucken und ich nebenan bei den Süßigkeiten, schon ganz kurz nachdem ich Richtung Süßigkeiten los bin, fühlte ich auf einmal Übelkeit und wollte zu meiner Mutter zurück kehren, die ich eigentlich noch direkt hinter mir wähnte. Aber sie war nicht da. Und ich geriet in Panik, fühlte mich auf einmal völlig allein und gefangen in diesem Kaufhaus und wollte nur an die frische Luft, weil ich Angst hatte mich dort mit in der Schuhabteilung übergeben zu müssen. Also rannte ich los, raus aus dem Kaufhaus, durch den Gang voller Leute quer durch das ganze Einkaufszentrum. Ich rannte so schnell ich nur konnte, mit einem zerspringendem Herz, trockener Kehle und zitternd. Ich rempelte rücksichtslos die Menschen an, die mir im Weg waren. ich wollte nur raus.

Endlich draußen angelangt, setzte ich mich auf einen Blumenkübel und inhalierte die kühlere Luft. Ich beruhigte mich etwas. Aber ich wollte auf gar keinen Fall wieder da rein. Nur meine Mutter wusste ja gar nicht wo ich bin. Eine Zwickmühle. Denn weiter hier draußen allein zu sein, das machte mir auch schon wieder Angst.

Also lief ich auf eine Frau zu, die nett aussah, wie ich fand. Ich war ziemlich aufgelöst. Ich war 12 Jahre alt. Und ich sagte ihr, dass mir so schlecht sei, aber meine Mutter mich suchen würde. Ob sie bitte für mich in das Kaufhaus gehen könne um einen Ausruf machen zu lassen, dass ich draußen wartete? Sie sagte nein. Und ging einfach weiter.

Heute ist es Teil meiner Ängste, dass mir draußen zwischen all den Leuten niemand hilft, wenn es mir schlecht geht.

Ich schämte mich unendlich.

Da ich mich sehr verzweifelt fühlte, blieb mir kein anderer Ausweg als noch einmal in das EKZ zu gehen. Ich rannte. Ich raste den Weg zurück durch die Menschenmenge zum Kaufhaus. Genauso panisch wie zuvor. Zitternd kam ich am Kaufhaus an, vor dem ein Verkaufsstand aufgebaut war hinter dem zwei Verkäuferinnen standen. Ich fühlte mich überhaupt nicht in der Lage dieses Kaufhaus noch einmal zu betreten. Ich war Angst. Mein ganzer Körper war Panik. Ich bettelte also die beiden Frauen an das für mich zu übernehmen. Sie wollten nicht, diskutieren, aber schließlich konnte ich sie überzeugen. Und raste sofort wieder zurück an die rettende Frischluft.

Wieder an meinem Blumenkübel angelangt, setzte ich mich und wartete. An diese Zeit kann ich mich nicht erinnern, aber dann kam irgendwann meine Mutter verwirrt aus dem Gebäude und ich fing an mich wieder besser zu fühlen. Ich weiß nicht  mehr, was ich meiner Mutter erzählt habe oder was sie gesagt hat. Ich weiß nur, dass ich mich sehr beschämt fühlte und nach wie vor voller Angst.

Die Panik wirkte nach. Tage und wochenlang. Sie schwelt ein mir. Besonders abends, wenn ich im Bett lag und versuchte zu schlafen. Ich wusste wovor ich Angst hatte: mich irgendwann wieder so tödlich unsicher zu fühlen. Jemals wieder so eine Panikattacke erleben zu müssen.

Heute weiß ich, dass die Panik nicht aus heiterem Himmel kam. Schon am Tag zuvor war ich mit meiner im Kaufhaus auf einer Rolltreppe, als ich plötzlich unsagbare Kopfschmerzen im Hinterkopf bekam, von jetzt auf gleich. Wir sind sofort zurück zu meinem Opa gefahren, ich wollte einfach nur Ruhe. Niemand konnte sich diese plötzliche Kopfschmerzattacke erklären. Nie wieder hatte ich in meinem Leben solche Kopfschmerzen. Aber mein Opa hatte Tabletten (ich habe heute den Verdacht, dass er damit auch Missbrauch betrieb, weil er manchmal starke Stimmungsschwankungen hatte), er hatte einen Arzt in seinem Freundeskreis von dem er eigentlich rezeptpflichtige Sachen so bekam. Er gab mir also ein starkes Schmerzmittel von dem ich dann innerhalb ein paar Minuten eingeschlafen bin und Stunden tief schlief. Danach waren die Schmerzen weg, aber ich fühlte mich wie nicht mehr von dieser Welt. Ich denke, dass die Panikattacke am nächsten Tag von dem Medikament angestoßen wurde – aber auch die Kopfschmerzattacke war ja schon nicht normal. Da bahnte sich ohnehin etwas an.

Angst hatte ich immer. Lange schon. Trennungsangst in der Grundschule. Obwohl ich mich wohl fühlte in meiner Klasse, mich nicht anstrengen musste und trotzdem Klassenbeste war, viele Freund*innen hatte. Aber es gab Zeiten, da hatte ich Angst davor in die Schule zu gehen. Heute weiß ich, dass das Trennungsangst war. Und in dieser Zeit entwickelte ich auch eine Emetophobie – Angst vor dem Erbrechen. Ich sprach mit niemandem über die Ängste und erfand Ausreden.

Ich hatte mindestens zwei Mal in der Grundschulzeit abends kurz vor dem Einschlafen Panikattacken (habe weder ich, noch sonst jemand als solche erkannt damals) mit starkem Herzrasen, so dass der Kinderarzt gerufen wurde. Oft erwachte ich nachts voller Angst und legte mich zu meinen Eltern ins Bett. Am nächsten Morgen tat ich immer so, als könne ich mich nicht erinnern und sei geschlafwandelt. Schon damals, mit 8, 9 Jahren habe ich mich geschämt.

Soviel für heute.

Lies hier Teil 2

Teil 3

9 Kommentare zu „Wie alles begann – Agoraphobie und andere Ängste, Teil 1

  1. Was für ne blöde Frau vor dem Einkaufszentrum! Ich hätte dir sofort geholfen.
    Ich weiß nicht, ob ich in dem Alter schon so handeln hätte können.
    Das mit der Angst vor dem Erbrechen kenne ich zum Teil…Nachdem ich ein paar Mal in Situationen war, in denen Angst, Übelkeit und negative Gefühle gekoppelt waren, hatte ich eine Zeitlang zu verschiedenste Anlässen Angst mich übergeben zu müssen. Beinahe hätte das Überhand genommen, ich fing schon an entsprechende Situationen zu meiden. Mittlerweile denke ich nur noch selten daran, ich habe mich zu bestimmten Dingen gezwungen und mir bewiesen, das nichts passiert ist.
    Ich freue mich schon mehr von dir zu erfahren. Schlaf gut 😊

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    1. Wie meinst Du das „Ich weiß nicht, ob ich in dem Alter schon so handeln hätte können.“?
      Die Angst vor dem Erbrechen hat sich zum Glück nie so richtig ausgebreitet. Es gab und gibt immer Phasen wo es schlimmer ist, aber sie beeinträchtigt mich nicht großartig in meinem Leben. Ich schreibe dazu sicher nochmal mehr.

      Gefällt 1 Person

      1. Wenn ich mit 12/13 so in einem Einkaufszentrum unterwegs gewesen wäre, wäre es mir nicht in den Sinn gekommen andere Leute anzusprechen. Ich hätte mich da draußen verkrochen und niemanden angesprochen. Ich finde du hast sehr selbstständig und besonnen reagiert!

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      2. Das war einfach die Angst die mich trieb. Ich konnte da nicht untätig sitzen bleiben. Ich wollte nicht ALLEIN sein. Ich konnte das einfach nicht aushalten. Allerdings hat e smich auch wirklich nachhaltig erschüttert, dass es so schwer war, Hilfe zu bekommen.

        Gefällt 2 Personen

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