Die Frau namens Mutter

Die wenigstens erwachsenen Menschen möchten dauernd ihrer Mutter begegnen, oder? Ich hab aber tue es. Die Realität sieht so aus: Ich kann sie schon seit meiner Jugend nicht mehr „Mama“ nennen, das Wort bliebe mir im Halse stecken. Sogar „meine Mutter“ verursacht ungute Gefühle, seit ich ein Kind habe nenne ich sie eigentlich nur noch „die Oma“.

Meine Mutter (ich nenne sie im Folgenden jetzt mal so, damit keine Verwirrung aufkommt) ist überallgegenwärtig. Würde mich jemand fragen, ob ich sie liebe, ich würde schweigen. Wahrscheinlich ist es so, Kinder lieben ja ihre Eltern ziemlich bedingungslos. Ich empfinde das aber nicht. Oftmals empfinde ich dagegen Hass, Aversion und Mitleid. Und ich fühle mich deswegen schlecht. Schlecht, schlecht. Es ist verwerflich seine Mutter zu hassen.

Sie hat mich als Kind vereinnahmt. Es war erdrückend. Als ich mit Mitte 20 meine erste Therapie begonnen habe, war ich noch der Meinung, dass ich nette Eltern habe und meine Kindheit gut war. Obwohl ich mich ja kaum erinnern kann. Aber meine Eltern haben nie was böses gemacht. Einfach harmlos. Heute würde ich das so nicht mehr sagen. Ich würde sagen: Meine Kindheit war bedrückend, voller Angst und Scham.

Wenn ich heute höre, wie sie mit meiner Tochter spricht und umgeht, wird mir vieles klar, obwohl ich weiß, dass sich da schon einiges zum Positiven geändert hat. Und meine Tochter hat nicht nur die Omi. Sie hat mich – vor allem – und ihren Papa, sie hat ihren Kindergarten, die Eltern ihrer Freunde, hatte ihre Krippe, sie trifft durch meine Freundschaften auch andere Erwachsene. Ich war mit meinem Bruder allein mit meiner Mutter, meine Eltern lebten zu der Zeit zwar noch zusammen, aber mein Vater war seltsam abwesend. Ich war weder in einer Krabbelgruppe, noch im Kindergarten. Angeblich, weil ich zu schüchtern war und nicht wollte. Logisch: Ich hatte so gut wie keinen Kontakt zu anderen Kindern, auch mein älterer Bruder war nicht im Kindergarten, – ich konnte mir nullkommanichts darunter vorstellen. Tja, und weil ich keinen Wunsch nach Kindergarten äußerte, blieb ich halt zu Hause. Und meine Mutter war froh darüber. Sie wollte uns nämlich gar nicht abgeben. Und Freunde hatten meine Eltern auch nicht.

Mein Bruder war wild und laut und frech. Ich war das schüchterne Kind. Die Kleine. Das Mädchen, die Zarte. Sensibel und gehemmt. Labil. Ängstlich. So war meine Rolle. Dabei saß in mir immer eine Abenteurerin, eine, die wilde Sachen erleben wollte und allein losziehen wollte. Aber meine Mutter hatte Angst um mich. Und sie wollte mich ganz für sich.

Mein Weg meiner Mutter Loyalität zu erweisen und meine Liebe auszudrücken, war der, mein Selbst aufzugeben. Fortan war ich ängstlich und brav. Die Rebellin ließ ich nur von der Leine, wenn es darum ging Ungerechtigkeiten anzuprangern und für Schwächere zu kämpfen.

Ich hatte es ganz gut geschafft, mich außer Reichweite zu begeben. Bin in eine Großstadt gezogen um zu studieren – dort packte mich die Angst so sehr am Kragen, dass ich mit dem Studium aussetzen und wieder zu Hause einziehen musste, aber ich kämpfte mich wieder nach vorn, beendete mein Studium. Und dann zog meine Mutter hinter mir her – in die gleiche Stadt in der ich nun Fuß gefasst hatte. Ich schaffte es wieder mich trotzdem fern zu halten. Mein Bruder lebte auch in dieser Stadt und sah und sprach sie häufiger als ich. Dann ist er ausgewandert und ihr Auge lag wieder auf mir. es gab Rückschritte, Fortschritte, Rückschritte aber im Großen und Ganzen ging es immer voran.

Aber dann wurde ich selbst Mutter und der dazugehörige Papa Alkoholiker (war er vorher schon, aber das Problem wurde massiver). Ich wurde krank. Und ab da war ich plötzlich auf sie angewiesen. Und bin es noch. Meine Kräfte reichen nicht aus, um dieses Alleinerziehenden-Ding wirklich alleine durch zu ziehen. Und jetzt ist diese Frau wieder allgegenwärtig in meinem Leben. Beobachtet mich. Trägt die gleiche Kleidung wie ich – so wie als ich 16 war und nur noch Schwarz und Lila trug – sie tat das auch. Als ich 14 war trug ich Hippiebunt und jede Menge Schmuck – sie ebenfalls. Und heute verwechseln uns die Leute auf der Straße von Weitem.

Ich. Will. Abstand. Aber ich weiß nicht wie das gehen soll,

 

 

2 Kommentare zu „Die Frau namens Mutter

  1. Ich auch – das ist so schwer, das richtige Maß an Distanz, an Ablösen und sich mit all dem wohlfühlen. Ohne scheußliche Gefühle und Selbstvorwürfe – aber mit Selbstschutz. Ich wünsche dir einen Weg!!!

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