Die Faust unterm Tisch

Familientreffen im Restaurant. Eigentlich eine schöne Angelegenheit. Das Kleine Wunder ist happy: Mama, Papa, die geliebte Omi und die liebe Oma – alle an einem Tisch.

Und ich balle unter diesem Tisch die Faust. Meine Mutter sitzt neben mir. Wie immer. Ich erfinde schon Tricks um das zu vermeiden. Sie redet unablässig von links in mein Ohr, während ich versuche mich auf die andere Oma zu konzentrieren, die wir nur alle 4–8 Wochen mal sehen. „Sie (gemeint ist das Kleine Wunder) hat drei Kartoffeln gegessen, aber nichts von dem Fisch gestern Abend. Und heute Mittag hatte sie ein Brötchen mit Butter und die Salami hat sie pur gegess… blablablababla …“

Und sie vermischt die Rollen. Immer und immer wieder hab ich mit ihr darüber gesprochen. „Mama?“ fragt das Wunder und meine Mutter ruft wie aus der Pistole geschossen: „Ja?“

Ich umschließe die Gabel fest in meiner Faust. In meinen Adern rauscht das Blut, das Adrenalin dreht seine Kreise.

Sie weiß alles. Macht alles perfekt. Besser. Wenn das Wunder im Restaurant allein auf Entdeckungstour geht, was ich völlig ok finde und ihr Papa auch – kommt spätestens nach ein paar Minuten die Frage:„Wo ist sie? Ist sie etwa raus gelaufen? Es ist doch so kalt. Habt ihr sie gesehen?“ Ich vertraue meinem Wunder, ich traue ihr was zu. Und ich weiß noch genau, wie sich das für mich angefühlt hat, diese ewige Angst meiner Mutter, dieses ewige Kleinmachen. Ich weiß es, weil sie es heute noch tut.

Als wir ihr erzählt haben, dass ich schwanger bin, war ihre erste Reaktion ein entsetztes Gesicht und: „Was? Du bist doch selbst noch ein Kind.“ Ich war 35. Und ich hatte noch keine MS-Diagnose. Ich weiß überhaupt nicht wohin mit meiner Wut!

8 Kommentare zu „Die Faust unterm Tisch

  1. Oh grrrr! Aber wirklich. Das ist sowas von übergriffig. Ich kenne deine Mama nicht – aber das klingt sehr nach jemandem, der so gar nicht in sich ruht und sich deshalb ununterbrochen einmischen muss 😶

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    1. Danke, dass Du das schreibst. Ich höre von Außenstehenden so oft, dass ich so eine nette Mutter hätte, so sympathisch. Und ich komme mir immer vor wie ein fieses Etwas, wenn ich mich mit ihr sprechen höre. Ich kann gar nicht mehr freundlich normal mit ihr umgehen. Zum Glück gibt es auch noch meinen Bruder, der meine Wahrnehmung 100% teilt.

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      1. Es ist eine selbsterfüllende Prophezeiung. Sie ist traumatisiert und immer auf der Suche nach Bestätigung und Sicherheit / Kontrolle. Und genau das führt dazu, dass wir (meinem Bruder geht es ebenso) uns so rabiat von ihr distanzieren müssen. Eigentlich tragisch. Aber das ist dann auch der Punkt wo ich Mitgefühl habe und dann ganz schnell ein schlechtes Gewissen … dreht sich im Kreis.

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      2. Jap, kenne ich. Meine Mutter hat vor ein paar Monaten eine Komplettveränderung hingelegt, eine schöne.
        Aber zuvor war sie sicher der destruktivste Kontakt den ich in meinem Leben hatte. Und von Kontaktpause, über ihre Nummer auf meinem Handy sperren, bis hin zu Verständnis und Freundlichkeit habe ich alles versucht. Ich brauchte so sehr Distanz und fand mich ganz furchtbar, wegen dieser Gefühle.
        Dreht sich im Kreis… leider.

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      3. Komplettveränderung? Gibt es sowas wirklich? Ich habe meiner schon oft zu Therapie geraten, aber ihrer Meinung nach hat sie nix und es geht ihr gut. Das sie schon völlig aufgelöst sein kann, wenn sie mich mal einen halben Tag nicht erreicht steht für sie anscheinend in keinerlei Zusammenhag mit ihrer geistigen Gesundheit oder ihrem Wohlbefinden.

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      4. Ja. Habe ich auch nicht dran geglaubt. Sie hat die zweite Krebsdiagnose ihres Lebens bekommen und diesmal mit ohne Aussicht. Das hat sie verändert, zu der, die ich Mal kannte…
        Meine Mutter hat jetzt zwei Jahre lang getrunken. Statt irgendwas zu machen. Ich hab echt an nix mehr geglaubt!

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