Wie alles begann – Agoraphobie und andere Ängste, Teil 3

Meine erste bewusst als solche erlebte Panikattacke im Alter von 13 Jahren und wie es danach weiter ging habe ich in Teil 1 und 2 beschrieben. Die Angst begleitet mich von Kindesbeinen an, erst diffus, als übergroße Schüchternheit im Vorschulalter, nächtliche Ängste, Trennungs- und Schulangst, Emetophobie (Angst vor dem Erbrechen) im Grundschulalter und schließlich Panik und Agoraphobie ab der Pubertät.

Als ich in die Oberstufe kam, wurden die Karten neu gemischt. Meine ehemals beste Freundin verließ die Schule und ich verlor den Kontakt zu ihr. Es gab keine Klassen mehr, sondern nur noch eine ganze Jahrgangsstufe und dadurch, dass ich nicht auf der Jahrgangsstufenfahrt dabei war (siehe Teil 2) hatte ich keinen richtigen Anschluss an alle neu gebildeten Gruppen. Das einzige Mädchen, dem ich mich noch verbunden fühlte verbrachte ein Halbjahr im Internat in England.

Ich verschloss mich. Ich wurde zum Automaten. Ich ging zur Schule, jeden Tag. Es gab viele Tage, an denen ich mit niemandem sprach. Kein Wort. Ehemals eine gute bis sehr gute, aufgeweckte und interessierte Schülerin flossen die Schulstunden qualvoll wabernd an mir vorbei. Nebel. Es wurde Herbst, dann Winter.

„Wie war’s?“ fragte meine Mutter jeden Tag, die immer gleiche Antwort quälte sich unter meiner bleischweren Zunge hervor: „Super, wie immer.“ Ich war müde. In den Pausen versteckte ich mich manchmal in leeren Klassenräumen oder in Bereichen auf dem Pausenhof, wo sich kaum ein Oberstufenschüler rumtrieb. Ich wollte nicht sprechen. Mein Rücken tat weh. Dunkelheit umzog mich in einem immer enger werdendem Mantel.

Irgendwann am Jahresanfang kehrte meine Freundin C verfrüht aus England zurück. Ebenfalls depressiv und ausgeschlossen. Bei unserem ersten Telefonat wollte sie wissen, was alles passiert war, was die anderen so machen, wie es in der Schule läuft. Das war der Moment, in dem ich zum ersten Mal ehrlich über meine Gefühle sprach. „Ich weiß nicht, C. Ich rede mit niemandem. Ich fühle mich schrecklich und ich hasse sie alle.“ C lachte und lachte und lachte und schließlich musste ich auch lachen.

Nach ihren ersten Tagen zurück in der Schule sagte sie: „Plejade, ich weiß jetzt, was Du meintest. Es ist furchtbar hier. Die anderen nerven nur, sind lächerlich, dumm oder “

Im März kaufte ich mir das neue Album von den Charlatans.

http://videos.sapo.pt/agVNNvBAF839UoqHdjVh

Gefühlt hat mir dieses Album das Leben gerettet. Die gelben Bananen auf dem Cover. Das Gefühl cool zu sein. Ich war die erste, die das Album hatte, importiert aus England. Außer mir gab es nur ein weiteres Mädchen (L in die ich nahezu verliebt war <3), das so coole Musik hörte. Und C. dann auch noch. Ich fühle mich besser. Ich war anders als die anderen, aber da draußen gab es Leute, die auch anders waren. Die den ganzen oberflächlichen Jugendlichen-Mist nicht mochten. Die Ernsthaftigkeit bevorzugten. Nachdenkliche Menschen. 120 Minutes auf MTV war meine Rettung und mein Lebenselixier! Mit dem Bananen-Cover von „Between 10th ans 11th“ ging die Sonne für mich auf. Ich erwachte mit dem Frühling zu neuem Leben.

Und dann kam die Angst mit voller Wucht zurück.

Teil 1

Teil 2

8 Kommentare zu „Wie alles begann – Agoraphobie und andere Ängste, Teil 3

  1. Du arbeitest Deine Ängste so gut nachvollziehbar auf. Dadurch bekomme ich auch einen anderen Blick für meine eigene Geschichte.
    Was ich mich frage ist, inwieweit Deine Mutter heute weiß, wie Du mit Ängsten gerungen hast und dass sie ihren Teil dazu beigetragen hat. Und ob sie an den ihren gearbeitet hat. Ich bin gespannt wie es weiter geht und frage mich, was die Angst zurück gebracht hat.
    Mit der gelben Bananenplatte warst Du auf jeden Fall für ne Weile die Coole von der Schule 😛
    Alles liebe, Jo

    Gefällt 3 Personen

    1. Hey Jo, danke für Dein Feedback. Das ist ja wunderbar, dass Dir meine Beiträge so viel geben – mit sowas hab ich gar nicht gerechnet. 🙂 Nein, meine Mutter dümpelt weiter in ihrem Angstsee herum. Angeblich geht es ihr gut. Inwieweit sie begriffen hat, dass sie viel dazu beigetragen hat, dass ich diese Agoraphobie entwickelt habe, weiß ich nicht. Stichwort. Verdrängung.

      Gefällt 1 Person

      1. Vielleicht wird sie das auch nie mehr begreifen – aber umso beachtenswerter ist doch wie reflektiert du mit all dem umgehen kannst – obwohl und vermutlich weil es dir nicht vorgelebt wurde!

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