Versprochen

Ich hatte es elefantenblau versprochen: Ich wollte noch erzählen, wie mein Friseurinnenbesuch vorletzte Woche abgelaufen ist. Ich will das jetzt endlich nachholen. Warum habe ich dafür so lange gebraucht. Weil ich geloost habe. Weil ich mein typisches Vermeidungsverhalten an den Tag gelegt habe.

Aber der Reihe nach: Als der Termin vereinbart wurde, fühlte ich mich noch ganz gut, hatte noch keinen akuten MS-Schub. Meine Freundin A. und ich haben uns angewöhnt gemeinsam zur Friseurin zu gehen, um uns wenigstens dort mal zu treffen und zu quatschen. Und weil ich mich einfach nicht traue allein zu gehen. Ich möchte aber eigentlich auch üben, dort wieder allein hingehen zu können. Früher bin ich ein paar Jahre immer mit dem Auto hingefahren und habe direkt davor geparkt. Ich muss dazu sagen, dass der Laden im gleichen Stadtteil ist in dem ich wohne. Also nicht wirklich weit weg, mit dem Rad so fünf Minuten.

Der Termin neulich war so geplant, dass A. um 13 Uhr dran sein sollte und dann auch bald gehen würde, damit sie ihr Kind aus dem Kindergarten holen kann. Mein eigener Termin war um 14 Uhr. Ich wollte eigentlich von der Arbeit (mein Büro liegt so ungefähr auf halber Strecke zwischen meiner Wohnung und dem Friseurladen) kurz nach 13 Uhr allein dort hin fahren und dann auch eine bisschen ohne A. da bleiben, weil diese ja schon gegen 14.30 los musste.

Nun war ich aber ja gar nicht auf der Arbeit und hätte direkt von zu Hause fahren müssen (aus selbst für mich nicht wirklich nachvollziehbaren Gründen sehr viel schwieriger für mich). Und ich fühlte mich übernächtigt. Und erschöpft vom Schub. Und gucken konnte ich auch nicht richtig, was mich sowieso die ganze Zeit in die Angst getriggert hat, weil alles so surreal wirkte dadurch.

Kapitulation.

Ich rief A. an und bat sie mich abzuholen und sagte ihr, dass ich mich so gar nicht nach Konfrontation fühle und dann mit ihr zusammen den Laden verlassen werde. Immerhin das.

Bisher hab ich in solchen Situationen selbst meine liebste A. (selbst Sozialpädagogin und in einer Beratungsstelle tätig) einfach angelogen vor lauter Scham. Sie weiß seit Jahren über meine Phobie Bescheid. Und trotzdem kann ich oft selbst ihr gegenüber nicht offen damit umgehen.

Der Friseurin gegenüber sagte ich, das ich noch arbeiten müsste und deshalb schon um 14.30 los muss. Ergebnis: Für  mein Haar blieb nur eine halbe Stunde Zeit und das fand ich schon schade, weil ich eigentlich Lust auf was Neues gehabt hätte.

So schränkt die Angst mein Leben ein. Massiv und nach außen hin kaum sichtbar.

 

4 Kommentare zu „Versprochen

  1. Dankeschön! Ich habe tatsächlich daran gedacht, wollte aber natürlich nicht drängen und eh nicht, dass du dich nicht gut fühlst.
    Geloost trifft für mich nicht ganz zu. Eher ein Kompromiss, zwischen deiner Angst und dem, wo du gerne wärst. Ich finde es toll, dass du jetzt das Programm machst und heute Abend will ich mir erstmals notieren, wofür ich dankbar bin. Nicht hier, ganz klein für mich. Über deine Dankbarkeiten freue ich mich jeden Abend, finde sie bereichernd und so wunderbar herzlich.
    Das Leben mit so einer Angst ist kompliziert und beengend, auf andere Art und Weise ist das MS doch auch. Ich will deine Angst nicht klein reden,auf keinen Fall – ich will nur ganz groß sagen, dass du mir Mut machst, indem du beispielhaft zeigst, dass du weitermachst und immer noch und immer wieder versuchst dich der Angst zu stellen. Und das wo die Angst einen oft so hilflos und winzig klein fühlen lässt.
    Und dann ist da noch das Kleine Wunder! Für mich hast du ganz unglaublich viel Stärke. Das meine ich so!

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    1. Das rührt mich gerade zu Tränen. Fühle ich mich doch so oft so unglaublich unzulänglich. Ich kämpfe mein ganzes Leben mit der Angst, habe verschiedenste Strategien und Therapien hinter mir. Und doch ist die Panik und vor allem das Vermeidungsverhalten immer bei mir. Manchmal (oft) fühle ich mich deshalb einfach nur als Versagerin. Danke.

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      1. Ich verstehe dich, auch wenn ich nicht unter genau denselben Problemen leide. Es ist total schwer sich dauerhaft klar zu machen, dass man nicht einfach inkompetent ist und es deshalb nicht besser wird. Nicht aufzugeben. Und sich selbst nicht im schwarzen Licht zu sehen. Ich schaffe es ganz oft selbst nicht mich so zu sehen, wie ich dich sehe, und das tue ich, so wie ich es schreibe. Bewundernswert und nicht versagend! Deshalb ist es manchmal so wichtig, dass man so etwas hört, etwas, das objektiver ist, als die eigene Wahrnehmung. Du hast für mich Vorbildcharakter.
        So und jetzt genug 😉 bevor hier noch wer rot werden muss 💚

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