Wie alles begann – Agoraphobie und andere Ängste, Teil 4

In den drei ersten Teilen habe ich meinen Weg mit der Angst seit meiner Kindheit beschrieben. In diesem Teil geht es weiter mit meiner Zeit in der Oberstufe. Das war eine richtig schreckliche Zeit.

Im Laufe des Frühjahres und Frühsommers freundete ich mich immer mehr mit einem Jungen namens A an. Meine große Stütze war nach wie vor meine Freundin C, aber eine zeitlang verbrachte ich auch mit A, der in der 11. Klasse zu uns auf die Schule gekommen war, viel Zeit.

A wurde 18 und erfuhr, wer sein leiblicher Vater ist. Er nahm Kontakt auf, traf ihn und ihm wurde mitgeteilt, dass er auch noch einen Halbbruder habe. Kurz darauf machte A’s Freundin mit ihm Schluss. Und A wurde immer seltsamer. Er war schon vorher seltsam gewesen (was mich mit ihm verband). Ich selbst hatte zu der Zeit schon häufig Herzrhythmusstörungen – da braute sich etwas in mir zusammen. Aber ich konnte es nicht zusammenfügen damals.

Er fing an, Zeichen zu sehen. Er sagte, ich würde im Radio senden. Einmal saß ich zu Hause und es ging mir sehr schlecht, weil ein Junge den ich sehr mochte, etwas doofes zu mir gesagt hat. Ich saß da und weinte und wünschte mir verzweifelt, irgendwer würde mich anrufen. Da klingelte das Telefon und A war dran. „Was ist los, Plejade? Ich habe gespürt, dass es Dir sehr schlecht geht.“ Angst jagte mir den Rücken herunter. Um A nicht in seinem Wahn zu bestärken tat ich fröhlich. Aber mir machte das wahnsinnge Angst. A war offensichtlich neben der Spur, aber war er auch hellsichtig???

Die Situation spitzte sich immer mehr zu. eines Abends stand A vor meiner Tür und wollte meine Tarotkarten haben. In Blitzgeschwindigkeit sah er sich alle, – ALLE – Karten durch und murmelte und schnaufte „Das passt, das passt. Das passt alles!“ Ich wusste damals überhaupt nicht damit umzugehen. Ich hatte Angst und wollte ihn so schnell wie möglich loswerden. Ein paar Tage später war A in der Psychatrie, weil er sich töten wollte, es aber selbst noch wahrgenommen hat das etwas nicht stimmte und zu einem gemeinsamen Freund gegangen ist, dessen Vater Psychiater war. So hat er sich Hilfe geholt und wurde noch in der gleichen Nacht eingewiesen.

Mich erfüllte all das mit großer Angst. Wieso war A plötzlich psychotisch? Konnte mir das auch passieren? Das könnte mir auch passieren! Das war doch meine große, meine riesengroße Angst. Das ich verrückt werde. Stimmen höre. Dinge tue, die ich gar nicht tun will. Der Sommer war bedrohlich, über allem lag für mich ein dräuender Schatten der Angst. Die warme Sonne stach und drohte. Ich hatte Kopfschmerzen. Wochenlang. Mein Herz stolperte und stolperte. Hinter dem blauen Himmel schwelte schwarzes Nichts.

Und dann kamen die Panikattacken.

Ich war bei meinem Hausarzt wegen der wochenlangen Kopfschmerzen und der schickte mich zum Orthopäden. Ich sollte gleich dort hin fahren. Also fuhr ich mit dem Rad in die Stadt – ein Weg, den meine Mutter mir jahrelang als super-gefährlich verkauft hatte. (Aus heutiger Sicht absolut lächerlich. Die Kleinstadt in der ich aufgewachsen bin ist verhältnismäßig verkehrsarm, außerdem war ein großer Teil davon mein Schulweg). Auf halber Strecke dachte ich: „Niemand weiß, wo ich hinfahre“ – und ich mich überkam ein tolles Gefühl von Freiheit und Wagemut. Und in der nächsten Sekunde: Panik.

Und jetzt brauch ich erstmal eine Pause …

Teil 1

Teil 2

Teil 3

3 Kommentare zu „Wie alles begann – Agoraphobie und andere Ängste, Teil 4

  1. Ja, so habe ich das auch mal kennen gelernt, wie Du es beschreibst. Das ist jetzt 36 Jahre her. Heute kenne ich die Ursachen, damals war ich nur verzweifelt, dann habe ich viele Jahre daran gearbeitet, es war verdammt kein leichter Weg. Heute bin ich da, wo ich bin und es ist gut so. Was Du schreibst kann ich so gut nachfühlen, genauso fühlte es sich bei mir auch an.
    Liebe Grüße aus dem leider wieder verregneten Neanderthal!

    Gefällt 1 Person

  2. Ich habe mir damals schon, mit Anfang 20, eine Therapeutin gesucht, weil ich wusste, alleine kriege ich das nicht gebacken. Ich habe die Angst dann Stück für Stück aufgelöst, bei mir kam noch eine Herzphobie hinzu, die habe ich mit Hilfe der Therapeutin aber aufgedröselt. Es hat aber wirklich lange gebraucht, bis ich letztendlich kapiert habe, was genau dahinter steckte. Heute ist das für mich so logisch, aber das kann man ja nicht so einfach erklären, weil man es FÜHLEN muss. Und das zuzulassen ist halt das Schwere. Finde ich jedenfalls.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s