Mein Therapieweg, Station 1

In dieser Reihe beschreibe ich nach und nach all die Therapien die ich versucht habe um meiner Agoraphobie zu entwachsen.

1992–irgendwann 1993

Therapie bei einem Neurologen. Bestand aus 3 x die Woche Biofeedback und 1 x im Monat Gespräch bei ihm. Ob das so stimmt, weiß ich nicht mehr. Vielleicht waren es auch 5 x die Woche Biofeedback und alle 14 Tage Gespräch? Ich kann mich ganz gut daran erinnern, wie ich – irgendwann tatsächlich sehr entspannt – unter dem Biofeedbackgerät lag. An Gespräche kann ich mich nur dunkel erinnern, an zwei, drei Fetzen.

Es war kurz vor den Herbstferien, ich schaffte es nicht mehr in die Schule. Ich muss meiner Mutter dann wohl gestanden haben, dass mir nicht wirklich Morgens schlecht war, sondern ich nur nackte Angst spürte. Aber auch daran habe ich keine Erinnerung. Ich weiß nur noch, wie ich Morgens mal in der Küche stand, die Angst mein Herz zu einer vibrierenden Wäschetrommel machte und die Fußbodenkacheln auf mich zukamen. Und dann sagte. „Ich kann heute nicht in die Schule, mir ist so schlecht.“

Die Praxis war dunkel, die Möbel aus dunklem, schweren Holz. Der Neurologe saß hinter einem riesigen Schreibtisch mit Lederbezug. Weit weg von mir und viel höher hinter seiner Schreibtisch-Barriere. Es gibt eine schwammige Erinnerung daran, dass ich mich ausziehen musste und er die übliche neurologische Untersuchung mit mir machte. Ich war voller Scham nackt vor diesem alten Mann zu stehen. Ich war voller Angst, dass er etwas gravierendes heraus finden könnte – ich verrückt sei.

In der ersten Stunde war meine Mutter dabei. Es ging darum, dass Klausurphase war und ich mich nicht in der Lage sah überhaupt einen Fuß in die Schule zu setzen oder den Weg dorthin zu bewältige. Geschweige denn eine Klausur zu schreiben! Ich weiß noch sehr gut, dass der Arzt meinte, wenn ich nicht zur Schule ginge, müsste er mich in eine Klinik einweisen. Bämm! Das saß! Dieser Satz war meine große und einzige Motivitation wie auch immer die Schule zu besuchen. Klinik? Das! War! Meine! Größte! Angst! Darum ging es ja. Ich hatte Angst davor in der Klapse (das Wort passt zu dem, was ich mir damals darunter vorstellte) zu landen: Fixierung, Elektroschocks, Medikamente, Wesensveränderung …

Er verschrieb mir ein Anti-Depressivum, dass ich fortan sehr gewissenhaft einnahm. Er sagte, ich solle jeden Morgen Wechselduschen machen und 100x Seilspringen, was ich fortan jeden Morgen gewissenhaft tat. Ich wollte nur, dass diese Angst, diese grausame Panik verschwand und nie wieder auftauchte. Und er gab mir einen Tranquilizer, den ich 1x in den Herbstferien ausprobieren sollte und wenn ich ihn vertrug dann für meine Englischklausur nehmen sollte.

Tatsächlich weiß ich nicht, wie ich die riesige Tablette dann eines Morgens nach den Ferien schluckte. Meine Mutter fuhr mich kurz vor dem Klausurtermin direkt zur Schule, wartete zwei Stunden im Auto und dann fuhr sie mich wieder nach Hause. Heute frage ich mich, ob der Tranquilizer in Wirklichkeit ein Placebo war, wenn ich hatte ANGST. Ich schrieb die Klausur in nicht endender Panik, einzig und allein angetrieben durch den Gedanken NICHT in eine Klinik zu wollen. Mit trockener Kehle, kaltschweißig, bebend, zwei Stunden Herzrasen.

In einer späteren Stunde riet der Arzt mir, mal alleine ins Kino zu gehen. ???? Ich konnte ja noch nicht mal in Begleitung ins Kino gehen. Ich konnte nicht alleine zu diesem gehen, der seine Praxis nur eine Straße von unserer Wohnung entfernt hatte. Und schon gar nicht konnte ich mit dem Fahrstuhl hoch in die Praxis fahren. Aber all das erzählte ich dem Arzt gar nicht. Ich hatte keinerlei Vertrauen und er vermittelte mir auch kein Interesse an mir.

Um nicht zu viel vorweg zu nehmen: Das Biofeedback half irgendwann tatsächlich temporär. Und damit endete die „Therapie“

1996

War ich 3, 4 x bei einem tiefenpsychologisch arbeitenden Therapeuten

1996

Ging ich regelmäßig zur Frau meines damaligen Hausarztes. Sie war Maltherapeutin, malte aber nicht mir, sondern sprach mit mir und verordnete mir Bachblüten

1996–2003

konsultierte ich wegen meiner Ängste eine Homöopathin

1997

begann ich eine Therapie bei einem Verhaltenstherapeuten, die er 1998 irgendwann abbrach, weil er nicht mehr in unserer Stadt praktizierte

Ende 2000–Anfang 2004(?)

Gesprächstherapie bei einer Psychologin

Oktober–Dezember 2001

Psychosomatische Reha in Bad Salzuflen, 8 Wochen

Ende 2004–2006

Hypnosetherapie und tiefenpsychologisch angehauchte Gespräche bei einer Therapeutin für Heilkunde & Psychotherapie

2008–Mitte 2010

Verhaltentherapie bei einem Psychologen

Mitte 2012–heute

Psychotherapie, Verhaltenstherapie, Traumatherapie mit EMDR

Oktober 2012–Januar2013

Psychosomatische Reha in einer Tagesklinik, 13 Wochen

6 Kommentare zu „Mein Therapieweg, Station 1

  1. Das war schon krass, Deine Einschränkungen.
    Ich selbst litt unter Zwangshandlungen – und Zwangsgedanken, die mal stärker, mal schwächer waren. Sie waren fast nie Thema in den Therapien. Nur insofern, wo sie denn herrühren könnten.
    Über den „Zwang“ wollte ich mal schreiben, habe einen Draft dafür schon aufgesetzt, aber wer versteht schon die spezifischen Ausprägungen solcher Zwänge.
    Zur Zeit schränken mich die Zwänge kaum ein. Latent sind sie da, irgendwo spürbar. Doch mein Leben verläuft zur Zeit ruhig.
    Mächtig hoch können sie nur bei Katastrophen kommen, so mein Gefühl.
    Sicher habe ich auch was dafür getan, daß es jetzt deutlich besser ist. Konfrontation im Wesentlichen.

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