Nichts fühlen und alles hinterfragen

Heute hab ich mich mit dem festen Vorhaben ihm von meiner Phobie zu erzählen mit T zu einem Spaziergang verabredet. Ich habe hin und her überlegt wie ich in das Thema einsteigen kann ohne das es zu dramatisch wirkt. Dann erwähnte er, dass er mal eine stationäre Therapie gemacht hat. 😀 Steilvorlage also! Ich habe dann von meiner Reha vor 3 Jahren erzählt und eben auch warum ich die gemacht habe.

Trotz seinem vorherigen „Outing“ ist mir das wahnsinnig schwer gefallen. Die Episoden die er mir aus seiner Kindheit erzählt hat, kamen mir auch schon wieder so viel schwerwiegender vor, als das, was ich erlebt habe. Die Frage, wo meine starken Ängste her kommen – ich kann sie nie wirklich beantworten. Alles was ich dazu zu sagen habe, kommt mir so harmlos vor. So als könne es niemals meine Neurosen in ihrer ganzen schwerwiegenden Tragweite erklären. Und dann komme ich mir doch wieder wie eine vor, die übertreibt, aufbauscht oder einfach nur wehleidig ist. Faktisch weiß er nun also Bescheid. Aber wie immer wenn ich jemandem davon erzähle ist ihm das Ausmaß nicht bewusst. Weil ich eben auch so abgeklärt und vernünftig darüber reden kann als würde ich total drüber stehen.

Seine eigenen Erzählungen waren auch ziemlich heftig und gruseligerweise decken sich manche Erlebnisse und Empfindungen mit dem, was XY in seiner Kindheit so passiert ist. Ich war in der Vergangenheit immer mit Männern zusammen mit denen aus unterschiedlichsten Gründen keine echte Nähe möglich war und bei denen ich die Hoffnung hatte, ihnen „helfen“ zu können. Als ich XY kennenlernte war ich so verliebt und sicher, dass ich dieses Muster endlich durchbrochen habe. Ich war mir wirklich sicher!  – dann stellte sich heraus, dass unsere Beziehung noch einmal einen oben drauf setzte – im negativen Sinne.

Heute denke ich bei jedem Kennenlernen darüber nach was ich fühle, warum ich es fühle und ob ich es mir erlauben darf es zu fühlen. Ich kann nicht einfach jemanden nett finden und unbefangen näher kennenlernen. Ich gucke sofort darauf ob und wieviel Alkohol er trinkt. Ich gucke, wie gut er mir seinem Leben klar zu kommen scheint. Ob er wirklich ehrlich ist. Ich sehe Dinge im Argen liegen, die vielleicht gar nicht so im Argen liegen. Ich habe Angst davor, Gefühle für jemanden zu hegen, der mich wieder in diesen Sog der Co-Abhängigkeit zieht. Deshalb versuche ich vorsichtshalber erstmal nichts zu fühlen. Für niemanden.

Wir waren zwei Stunden spazieren und ich bin jetzt fix und alle, meine Erkältung zieht nochmal alle Register und ich hoffe gerade nur, diese Nacht mal schlafen zu können und das der Husten mich in Ruhe lässt.

8 Kommentare zu „Nichts fühlen und alles hinterfragen

  1. Ich finde es gut, dass du so ehrlich warst. Ich glaube aber nicht, dass du deine Probleme aufbauschst. Es sind nun mal deine und wir empfinden unsere Probleme alle als schlimm. Das ist normal und auch richtig. Was deine Gefühlswelt betrifft: Das kann ich verstehen, aber vielleicht brauchst du einfach auch noch ein wenig mehr Zeit um deine Erlebnisse zu verarbeiten und mit dir ins Reine zu kommen. Therapie ist ein langer Weg und wir machen täglich Fortschritte, aber manchmal eben auch Rückschritte. Gib dir Zeit. Zunächst mal wünsche ich dir eine gute und hustenfreie Nacht:-)
    LG
    Mia

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank Dir. Ich muss den heutigen Tag nun erstmal sacken lassen und mich ausruhen. Mir geht so vieles durch den Kopf und durchs Herz zur Zeit. Ich habe den Eindruck, dass das Bloggen den Prozess beschleunigt hat. Viele liebe Grüße und Dir auch eine gute Nacht, plejade

      Gefällt 1 Person

  2. Plejade😊😊 das ist toll! Ich an deiner Stelle hätte vorher Herzrasen und all sowas gehabt. Finde das auch überhaupt nicht leicht und stehe dann immer da, rede so abgeklärt und finde auch oft, dass ich ja gar keine ausreichenden Gründe für mein krank-sein habe.
    Ich verstehe dich so gut.
    Vor allem aber wünsche ich dir von riesengroßem Herzen, dass der werte Herr achtsam mit diesem vertrauensvollen Geschenk umgeht, das du ihm da gemacht hast. Und er den wunderbaren Mensch, der du bist, noch immer sieht!
    Und gute Besserung ja eh 😊

    Gefällt 1 Person

    1. Ich denke, das geht tatsächlich, depressiven Menschen geht es glaub ich so. Allerdings sprach diesen Satz ein Teil von mir, der das gern so hätte. Zum Glück BIN ich nicht dieser Teil. Für mein Kleines Wunder empfinde ich große Liebe. Aber tatsächlich war es schon in meiner Jugend so, dass wenn ich eine Person aus einem emotionalem (eigentlich positivem) Grund gefährlich fand, ich dieser gegenüber dann plötzlich nichts mehr oder sogar negatives empfand. Das ist schon ein seltsames Geschehen.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s