Abgründig und widersprüchlich

Seitdem ich dieses Blog schreibe, bewegt sich mein Leben. Bewege ich mich.

Das liegt ganz sicher nicht ausschließlich am Bloggen – ich hatte ja immerhin ab Anfang Februar einen Schub, der mich von der (für mich schlechten) Bahn geschubst hat. Ich kann noch immer nicht wieder richtig gucken, ich versuche das so hinzunehmen und abzuwarten. Da tut sich bestimmt noch was und wenn mein Auge nicht wieder 100% wird, kann ich damit auch leben. Muss ich dann ja sowieso.

Ich habe mich stärker geöffnet. Zwei Bekannte sind nun Freunde geworden und zwar deshalb, weil ich Ihnen von meiner Erkrankung erzählt habe. Das war der erste Schritt. Im zweiten habe ich dann den Mut gefunden Ihnen auch von meiner Angsterkrankung zu erzählen.

Ich habe eine zeitlang weniger Zeit mit dem Kleinen Wunder verbracht, um gesund werden zu können, war dafür aber aufmerksamer, achtsamer und stärker anwesend wenn ich mit ihr zusammen war. Das will ich so beibehalten. Es fühlt sich viel besser an und wir verstehen uns auch viel besser.

Zeitgleich ist bei/mit XY einiges eskaliert. Und ich merke, wie ich immer weiter auf innere Distanz gehen kann. Das fällt mir dank der Freundschaft zu T und B viel leichter, denn sie sind präsent in meinem Leben. Ich kann mit ihnen sprechen und ich habe Gesellschaft und kann auch schöne und normale Dinge erleben mit ihnen. Das steht in Kontrast zu der Schwere und schlechten Laune von XY und zeigt mir diese deutlich.

Ein immer größer werdende Teil von mir – mittlerweile wohl der größte Teil – will sich trennen. Ich habe es fest vor. Und der Gedanke daran verursacht zum ersten Mal ein Gefühl der Erleichterung bei mir. Das ist wirklich neu. Dennoch habe ich Angst. Vor meinen Emotionen, vor kommenden Entzugserscheinungen – die waren beim letzten Mal so schlimm, dass die starke, unbeirrbare Sehnsucht nach ihm die ich da spürte, mich wieder in seinen Armen landen ließ. Und vor Einsamkeit. Und dann auch noch davor, wie ich mein Leben ohne XY bewältigen soll. Immerhin ist er es, der mich in den letzten Wochen zu Arzt- und Therapeutenbesuchen  begleitet hat, die mir wegen der Agoraphobie sonst nicht möglich gewesen wären.

Und dann ist da noch die Angst vor einer möglichen neuen Frau in seinem Leben. Die dann vielleicht all das mit ihm leben darf, was ich mir lange gewünscht hatte. Immerhin ist er jetzt trocken und sie würde einen trockenen Alkoholiker kennenlernen und nicht einen nassen, mit dem sie so schlimme Sachen erleben muss, wie ich sie mit ihm erleben musste. Ja, und dann wünscht sich das Kleine Wunder wohl nichts sehnlicher, als das wir wieder eine richtige Familie sind, die zusammen lebt und liebt. Schuldgefühle habe ich also außerdem.

Es ist, als säße ich seit Monaten vor einem dunklen Abgrund. Meine Beine baumeln jetzt schon hinein. Ich sitze und starre auf das schwarze Loch vor mir, unfähig mich zu bewegen. Es ist schwarz und die kühle Luft die ich am Gesicht spüre sagt mir, dass es sehr, sehr tief ist. Ich weiß nicht, wie tief und ich weiß nicht, was am Grund ist und ob es überhaupt einen Grund gibt.Das ist abgrundtief erschreckend.

Hinter mir liegt eine längere Wanderung durch eine sehr karge Landschaft, freudlos. Irgendwo noch dahinter gab es eine kurze paradiesische Strecke voller Bächlein und Apfelbäumen, ein von Sonne beschienener Weg, den ich Hand in Hand mit XY ging. Bis dieser Weg manchmal plötzlich wegbrach, ich ausrutschte, mir arg weh tat, aufstand, weiterging und dachte, ich hätte mir das nur eingebildet. Dann kam die Wüste.

Und nun sitze ich hier. Und habe die Idee einfach zu springen. Denn wenn ich hier sitzen bleibe ist mein Leben Stillstand. Und mein Herz sehnt sich nach Freude. Aber noch traue ich mich nicht.

 

 

3 Kommentare zu „Abgründig und widersprüchlich

  1. Schön und berührend.
    Diese Angst ist wohl vielen bekannt. Was kommt dann? Gerade dann, wenn es eh schon viel Unsicherheit im Leben gibt, fallen Veränderungen schwer. Und über Abhängigkeiten hast du ja schon oft geschrieben.
    Ich bin mir sicher, dass es klappen wird. Vielleicht beim zweiten Anlauf, vielleicht nach und nach. Aber ich finde deine Worte klingen nicht deprimiert oder ängstlich. Sie klingen nach Aufbruch und einer wirklich gewünschten Veränderung.
    Von meinem ganzen Herzen alles Liebe!

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    1. „ Gerade dann, wenn es eh schon viel Unsicherheit im Leben gibt, fallen Veränderungen schwer. “ Danke für diesen Satz (und alles andere). Du hast natürlich vollkommen recht, ich sollte geduldiger mit mir sein. Alles Liebe für Dich, pleja

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