Hast Du jetzt genug geheult?

Eine schwangere Frau mit einem 2–3 jährigem Kind. Ich höre das Kind schon von weitem laut und kraftvoll weinen. Sie überqueren den Zebrastreifen dem ich mich nähere und ich höre wie die Frau in genervtem und scharfem Tonfall zu dem Kind sagen: „Hast Du jetzt genug geheult?“ Es fährt mir wie ein Stich ins Herz. Das Kind weint noch lauter. Bockt, bleibt stehen. Sie packt es grob am Arm und zieht es weiter und dann schlägt sie ihm von hinten auf den Hinterkopf.

XY ruft laut: „Hey, man schlägt Kinder nicht!“.
Sie zieht das Kind aufgebracht weiter, hat ihn scheinbar nicht gehört. Ich folge den beiden ein Stück bleibe stehen und beobachte sie, als eine weitere Frau vorbei radelt, meine Empörung wahrnimmt und ruft: „Mütter sind halt manchmal überfordert. So ein Kind kann einen an seine Grenzen bringen!“
Ich: „Ja, das kann ich verstehen. Ich habe selbst eines. Aber sie hat das Kind gerade geschlagen.“
„Jaja, sowas passiert dann.“ und radelt weiter.

Fassungslos drehe ich mich wieder um. Die Frau mit dem Kind ist weg.

Das geht mir nah. Es lässt mich nicht los. Das weinende Kind. Die überforderte Mutter. Was hätte ich tun können? Einerseits weiß ich, dass es die Situation für das Kind verschlimmern kann, wenn man ein Elternteil bloßstellt. Wenn jemand sein Kind so in der Öffentlichkeit behandelt, was passiert dann hinter verschlossenen Türen?

Andererseits finde ich es wichtig, dass Kinder in solchen Situationen mit bekommen, dass es Erwachsene gibt, die dieses gewalttätige Verhalten des Elternteils (?) keineswegs gutheißen. Wahrscheinlich war die Frau wirklich massiv überfordert. Auch sie tut mir leid. Was kann ich beim nächsten Mal in so einer Situation tun? Ihr hinterherlaufen und freundlich ansprechen (was mir sicher schwer fällt)? Ihr eine Visitenkarte oder Flyer von pro familia in die Hand drücken? Hätte ich mich anders, hilfreicher verhalten können? Kann ich ein Kind in so einer Lage irgendwie schützen?

Es macht mich sehr traurig zu wissen, dass dieses Kind kein Einzelfall ist.

 

9 Kommentare zu „Hast Du jetzt genug geheult?

  1. Da darf man glaub ich nicht drüber nachdenken ,was bei manchen Leuten so abgeht….überfordert ist jede Mama mal….Auch an ihren Grenzen….Aber auf dem Hinterkopf hauen….Nein. Wir kann man helfen…? Vielleicht die Mutter auf einen Kaffee einladen,aber wahrscheinlich hat sie keine Zeit ist gestresst. Ich hab es mal gemacht. Eine überaus gestresste Mutter mit 2 Kidies zum Kaffee eingeladen. Sie guckte mich an. Und ich dachte, oh….schnell weg. Wenn Blicke töten könnten. Sie keifte mich an,was ich mich in ihr Leben einmische…Ja. Tat ich das?….Ich habe kein Wort über ihre Kinder verloren….Nur sie auf einen Kaffee eingeladen….innerlich hätte sie bestimmt ja gesagt….Da kommt man sich echt hilflos vor😑

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    1. Wer so eine Einladung zum Kaffee in so einer Situation annehmen kann, … der braucht wahrscheinlich gar keine Einladung zum Kaffee. 🙂 Aber vielleicht hat es ja im Nachklapp dennoch etwas bei ihr ausgelöst. Es ist sicher besser als die Person noch anzumaulen, da steigt der Stresspegel ja noch. Es ist schwer jemandem die Hand zu reichen, der so drauf ist. Hut ab!

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      1. …Ich hab ja so ein Helfersyndrom. Und als Mutter kennt man ja ab und an,auch das man schon ziemlich barfuß geht. Ich weiß aber auch nicht,ob ich so eine Einladung annehmen würde. …War aber auch noch nie in so einer Situation,das ich meine Kinder angeschrien habe….Doch ab und an bekommen sie Mamas Laune auch mal zu spüren….Aber dezent zu Hause😉

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      2. Das Kinder mitbekommen dürfen, dass die Eltern auch mal schlecht gelaunt oder genervt sind finde ich wichtig. Wie sollen sie sonst lernen mit ihren eigenen Gefühlen umzugehen und sie als richtig und okay anzusehen? Wir alle sind nicht frei davon ab und zu auch Gewalt anzuwenden (ich meine damit die üblichen Belohnungen und Bestrafungen die so usus sind in der Kindererziehung). Körperliche Gewalt ist aber so offensichtlich und so offensichtlich falsch. Dem steh ich einfach echt hilflos gegenüber.

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  2. Liebe Plejade!
    Ich habe vor Jahren einen ähnlichen Fall beobachtet und mir sträuben sich noch jetzt die Haare.
    Double bind!
    Erst das Kind abstrafen und es dann ans Herz drücken. Furchtbare Beobachtung.
    Eine Frau lies einen kleinen Jungen heulen und unterhielt sich ungerührt mit ihren Freundinnen. Der kleine Junge stand 4 Meter abseits und flehte. Erst nach 20 Minuten holte sie ihn und drückte ihn.
    Ich kann mir selber nicht verzeihen!!

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  3. Mir gibt solches zu beobachten oder auch hier zu lesen auch einen – nein, viele – Stiche. Das Schlimme ist, dass Du nicht wirklich etwas hättest machen können. Oder vielleicht doch? Man sollte sich mal in einer Beratungsstelle informieren, was Beobachtende in einem solchen Fall tun können/sollen/dürfen.

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  4. Ich schließe mich Agnes an: tausend Stiche und ich wüßte auch nicht wie ich reagieren würde… Vielleicht würde ich fragen ob ich ihr helfen kann… denn ich denke wer Kinder schlägt hat Hilfe bitter notwendig. Eine schlimme Geschichte!

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