Nach dem Hochseilgarten ist vor dem Hochseilgarten

Gestern war Adrenalin-Tag. Ich wollte es unbedingt tun, doch schon am Morgen nach dem Aufwachen saß mir die Angst in Bauch, Brust und Kehle.

Doch dann sind wir einfach los geradelt, entschieden uns, die Stadtbahn komplett links liegen zu lassen und bei dem schönen Wetter die 10 Kilometer  mit dem Rad zu fahren. Vorteilhaft für mich, weil das wesentlich angstfreier geht. Aber es war ein langer und für mich unbekannter Weg – potentiell also doch eher beängstigend. Aber die Panik hab ich einfach zu Hause gelassen. Vielleicht auch deshalb, weil sie die Angst eher auf unser Ziel fokussiert hat. Und weil ich mich mit T gerade so wohl fühle vermutlich auch.

Im Hochseilgarten angekommen haben wir erstmal unsere mitgebrachten Stullen gemampft und uns mit dem Gelände vertraut gemacht. T hatte auch Angst, aber er war dabei so witzig, dass ich meine fast vergessen konnte. Dann war das Gelände viel kleiner und überschaubarer als ich es mir ausgemalt hatte. Und dann liefen mir S und R in die Arme. Gute Bekannte. S war schon durch, während R noch in den Seilen hing. 😉 Der kämpfte auch deutlich mit Angst, aber das hat mich irgendwie beruhigt. So ein Hochseilgarten ist ein Ort an dem man Angst haben darf. An dem sogar Erwachsene mehr Angst haben dürfen als Kinder. Es ist ganz normal dort. Natürlich darf man überall Angst haben. Aber ein Teil von mir sieht das deutlich anders, es ist der Teil, der sich für Angst so sehr schämt, dass er nach außen meistens schweigt.

Nach der Einweisung mussten wir erstmal ein bisschen den Umgang mit den Karabinerhaken üben – und ich hab mich richtig doof angestellt. 😀 Ich hatte alle Instruktionen zwar gehört, aber dann sofort wieder vergessen. Aber da war ja T, der meine Aufregung gespürt und mir ganz verständnisvoll geholfen hat. Und dann gings los!

Und ich sage Euch, das war der Hammer! Schon der erste, „kleine“ Parcours hatte es für uns in sich. Meine Nebennieren pumpten unaufhörlich Adrenalin in meine Adern. Meine Strategie: Nicht lang fackeln, Augen zu und durch – bloß der aufsteigenden Panik keinen Raum lassen. Ts Strategie, der vor mir ging, war anders: Alles ruhig angehen, auf Sicherheit bedacht und langsam vortasten. Sehr interessant wie unterscheidlich das ist.

Als wir die erste Runde durch hatten fiel T mir in die Arme und bedankte sich dafür, dass ich ihn überredet hatte mitzukommen. 😀 Wieder festen Boden unter den Füßen spürte ich Erleichterung, – aber auch den Mut auch den 2. Parcours anzugehen. Und auch T war überraschenderweise sofort dazu entschieden!

Dieses Mal ging ich vor – wow! Einige Stellen waren wirklich schwierig, manches kostete viel Überwindung, aber als ich erstmal da oben drin war, wusste ich: Für mich würde es kein Zurück geben, ich ziehe das durch. Manches war dann auch leichter als es aussah. An anderen Stellen hab ich mich gefragt, warum ich mir das bloß antue. Aber dann wieder musste ich so viel lachen – auch über unsere Angst.

Als wir durch waren, waren wir  vor allem erstmal eins: Froh. Aber auch stolz und gestärkt.

Den 3. und schwierigsten Parcours haben wir uns für das nächste Mal aufgehoben, denn es wird ganz sicher ein nächstes Mal geben. Für gestern hat’s gereicht und wir wollten die Zeit lieber nutzen um auch den Rückweg mit dem Rad zu fahren, anstatt die Räder mit in die Bahn zu nehmen.

20 Km mit dem Rad, das ist für eine stramme Leistung für mich. Hat gerade irgendwer vergessen, dass ich MS habe? Ich habe es gestern vergessen! Und entgegen meiner Befürchtungen geht es mir heute körperlich gut.

So ein wunderbarer Tag gestern! Und T dabei an meiner Seite zu haben war einfach toll. Man ist ja da oben ganz schön viel mit sich selbst beschäftigt, voller Angst, Mut und sehr konzentriert. Aber wir haben uns gegenseitig unterstützt (ich hoffe, dass sich das für T ebenso gut angefühlt hat wie für mich) und es war für mich ein tolles Gefühl, nicht wie so oft in meinem Leben alles alleine auskämpfen zu müssen, sondern jemanden dabei zu wissen, der ein Auge auf mich hat.

Und wenn das auf Dauer eine Freundschaft bleibt, dann haben wir mit der Aktion gestern einige Grundmauern gefestigt.

9 Kommentare zu „Nach dem Hochseilgarten ist vor dem Hochseilgarten

  1. Wow, das klingt toll! Wie großartig, dass ihr beide einen Weg gefunden habt mit euren Ängsten umzugehen und dass du Spaß hattest! 🙂
    Den schwierigsten Parcours nicht noch anzugehen war definitiv die richtige Entscheidung. Ich würde den eher ausgeruht angehen – und auf jeden Fall vorher noch einen leichteren zum Aufwärmen und wieder sicherer werden einschieben. In meiner Erfahrung muss ich mich jedes Mal neu wieder ein bisschen „eingrooven“, aber das geht schnell. Aber selbst wenn ihr nächstes Mal auch „nur“ die ersten beiden Parcours macht, es macht trotzdem genauso viel Spaß – ich merke dann oft, das Sachen die ich beim letzten Mal schwer fand, plötzlich einfacher scheinen. Das ist auch eine gute Erfahrung.

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  2. Hallo!
    ich war gestern auch in einem Hochseilgarten (Beitrag dazu auf meinem Blog). Obwohl ich eigentlich keine Höhenangst habe und normalerweise sogar am Berg klettern gehe, waren die Parcours in den Bäumen noch einmal etwas ganz anderes. Dadurch, dass alles irgendwie wackelt macht das Erlebnis noch viel intensiver!
    Respekt, dass du dich überwunden hast.
    Liebe Grüße,
    Sarah

    Gefällt 1 Person

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