Ich darf es mir erlauben neue Wege zu gehen

– das ist meine Affirmation für die nächsten Wochen. Das flüstere ich mir ein. Klingt so einfach. Ist doch klar, dass das erlaubt ist! Tja, für mich scheinbar nicht. Und das in vielen Aspekten.

Seit heute ist T in der Klinik um seine Depression behandeln zu lassen. Ich war traurig darüber, dass er nun mindestens sechs Wochen weg sein wird. Seine Anwesenheit war in den letzten Wochen auch ein bisschen Halt für mich. Ein Freund, der gleich nebenan in der Straße wohnt. Jemand der irgendwie da ist.
Aber jetzt glaube ich, dass es gut ist. Abstand. Mal mit Abstand auf diese Geschichte blicken. Und momentan hab ich auch eine Wut auf ihn, die ist vielleicht irrational, aber es gibt Gründe dafür. Sich immer rauswinden, auf nichts festlegen, den Weg bestimmen.
Ich achte ein bisschen auf seine Wohnung, gieße Blumen, gucke nach der Post. Und eben war ich zum ersten Mal allein in seiner Wohnung und habe gemerkt, dass das vielleicht auch eine Art Therapie für mich ist. Ich hatte im Geist schon geplant, dass ich zu seiner Rückkehr den Balkon mit schönen Herbstastern bepflanzen will und ungefragt ein paar Sachen einkaufen. Solche Dinge habe ich mir eigentlich schon immer gewünscht für mich. Das jemand auf diese Art für mich da ist. Und dann habe ich eben beschlossen, dass ich lieber meinen eigenen Balkon verschönere. Für mich.

Gestern habe ich ein Päckchen los geschickt, das ihn in den nächsten Tagen in der Klinik erreichen wird. Ein kleines Survivalpaket für die ersten schweren Tage. Schokolade, Tee, ein Notizbuch, eine lustige Karte, ein Foto von unseren Kindern. Auch sowas, was ich für mich schön gefunden hätte bei meinen Klinikaufenthalten, dass jemand auf diese Art an mich denkt. Ich habe das Paket gestern schon mit einem Grummeln im Bauch aufgegeben, aber die Sachen hatte ich ja schon gekauft und ich packe gerne Päckchen, das hat Spaß gemacht. Und ich dachte mir, dass die Welt eher besser davon wird, es trotz meiner wütenden Gefühle abzuschicken. Trotzdem eine Freude machen. Gestern Abend hab ich ihm noch einen Satz geschrieben: „Wünsche Dir eine gute Nacht.“ Die letzte Nacht zu Hause, ich kenne die Aufregeung und Angst vor dem, was da auf einen zukommt. Ich habe noch nicht einmal eine klitzekleine Antwort bekommen.

4 Kommentare zu „Ich darf es mir erlauben neue Wege zu gehen

  1. Wenn man unter Depressionen leidet, zieht man sich manchmal zurück, mag nicht antworten, KANN NICHT antworten. Und das hat dann so gar nichts mit dir zu tun. Denjenigen dann zu bedrängen, geht nach hinten los. Ich kenne das von mir. Ich werde dann trotzig „Ich will jetzt aber nicht. Punkt.“ Lass ihn und gib ihm nur das Gefühl, dass du da bist.
    Liebe Grüße
    Weena

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    1. Du hast Recht. So kann das gewesen sein. Das könhte generell sein manchmal für mich seltsames Verhalten erklären.
      Dennoch muss ich aufpassen, bei MIR zu bleiben. Ich komme aus eine coabhängigen Beziehung. Diese Muster trage ich in mir und ich möchte mich selbst schützen. Zu oft habe ich aus Verständnis hingenommen, mich schlecht behandeln lassen, die Gefühlswelt des anderen wichtiger genommen als meine eigene. Daher versuche ich sehr wachsam zu sein, was mein eigenes Befinden angeht. Liebe Grüße an Dich

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  2. Ich finde das unheimlich lieb von dir! Und was ich auch schön fand: „Und dann habe ich eben beschlossen, dass ich lieber meinen eigenen Balkon verschönere. Für mich.“ So wichtig! Zu oft vergessen wir über das Geben das Nehmen.

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