Endlich Licht

Seit Wochen sitze ich immer wieder vor dem leeren WordPress-Fenster, schreibe ein paar Worte und klappe dann den Monitor wieder zu. Es ist zu viel gewesen.

Seit der Beratung ist XY ziemlich durchgedreht und ich hab mich mit wirbeln lassen. Es gab die ganze Palette. Betteln, beschimpfen, unbegründete Eifersucht, jammern, Mitleid erregen, das Äußern von Suizid-Gedanken, Drohung des Rückfalls in die Alkoholabhängigkeit, Unzuverlässigkeit bzgl. der Termine mit dem Kleinen Wunder und zuletzt auch noch nicht kindgerechte Erklärungen ihr gegenüber.

Ich bin bedient. Mitgefühl bis Mitleid, Sorge, Angst, Hilflosigkeit, Schuldgefühle, Zweifel (ja, auch die haben sich leider wieder mal gemeldet), Zorn, Traurigkeit – all das hat mich bewegt.

Mehrfach musste das Kleine Wunder spontan dann zu mir, an anderen Tagen rief er an, ich solle sie holen, dann doch nicht, dann doch, dann doch wieder nicht.

XY war verzweifelt. Äußerte Suzid-Gedanken. Er tat mir leid. Ich habe viel Energie aufgewendet, um ihm zu helfen. Telefonnummern für Hilfe recherchiert, mit ihm geredet, mich immer wieder auf Gespräche eingelassen. Letzte Woche wollte er sich einweisen lassen. Ich habe alles umorganisiert, weil er Das Kleine Wunder eigentlich hätte nehmen müssen an dem Tag. Hab sogar einen (Neu-)Kunden sitzen lassen, von dem ich in dem ganzen Chaos vergessen hatte mir die Kontaktdaten zu notieren.

Dann hat er sich umentschieden und zudem auch noch entschieden, dass Das Wunder doch zu ihm kann. Während meine Mutter schon mit ihr auf dem Weg war um sie vom Hort zu mir zu bringen. Vor dem Kleinen Wunder dann mit meiner Mutter gestritten, weil er nun doch …

An dem Abend war mir klar: Das war das letzte Mal, dass ich drauf eingestiegen bin. Ab jetzt muss er sich selbst helfen. Oder jedenfalls: Ich stehe dafür nicht mehr zur Verfügung.

In der Woche drauf folgte dann noch ein Drama, an dem aber das Wunder im Mittelpunkt stand.
„Papa soll bei uns übernachten! Papa hat nichts dagegen. Und Du, Mama?“
Mama hatte was dagegen …
da fing das Kleine Wunder an zu weinen: „Ich möchte, dass wir alle wieder zusammen ziehen. Papa möchte das auch. Nur Du willst das nicht. Weil Du Papa nicht mehr traust. Obwohl er doch gar nicht mehr so ist wie er war und sich verändert hat. Du traust ihm nicht mehr.“
Sie war sehr zornig. Verständlich.

Ratet, wer noch zornig war. Ich. XY stritt ab, dass er ihr das gesagt hat. Doch so etwas überlegt sich eine 6jährige nicht selbst. Zumal es genau sein Wortlaut war.

Das Kleine Wunder war so wütend auf mich, so traurig, dass es die Hosen runterzog und in mein Wohnzimmer pinkelte.

Wir leben seit 3 Jahren getrennt. Aber erst jetzt wird mir wirklich klar, was ich die ganze Zeit mit mir habe veranstalten lassen, wie wenig ich mir selbst wert war. Nicht der Alkohol war das Problem. XYs Sucht war nur ein Symptom. Ich öffne die Augen.

Ich habe Angst vor der Zukunft und was da noch kommen mag. Ich habe Angst, wie XY reagiert, wenn er mich mal mit einem anderen Mann sehen wird. Ich habe Angst davor, was er dem Kleinen Wunder zukünftig erzählen wird und vor weiteren schlimmen Konflikten rund um Das Kleine Wunder und was das mit ihr machen wird.

Aber doch ist da zum ersten Mal seit Jahren das Gefühl, das ab jetzt alles besser werden kann. Für mich. Und auch für Das Kleine Wunder.

 

11 Kommentare zu „Endlich Licht

  1. Oh mann. Er kann einem sehr leid tun, so verzweifelt wie er ist. Aber er ist sich in erster Linie selbst wichtig, er schlägt wild um sich, statt bei sich selbst anzusetzen, wo es dringend nötig wäre.
    Du darfst, du sollst und du musst dich um dich selbst kümmern, um dich und das kleine Wunder, das gefühlt ganz schön gewachsen ist, seit ich mitlese. Dabei wirst und musst du gar nicht gegen ihn arbeiten, irgendwann wird er so weit sein, dass er seine Rolle als Vater wieder wahrnehmen kann.
    Lass ihn in liebevoller Güte gehen – du hast dein eigenes Leben, das auf dich wartet und von dir ausgefüllt und gelebt werden möchte.
    Das kleine Wunder wird ihm irgendwann verzeihen können, es wird auch dir verzeihen können – auch wenn es aus erwachsener Sicht da nicht wirklich etwas zu verzeihen gibt.
    Ich drücke dich! Und ich glaube auch, dass da Licht ist 💚

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    1. Ich hoffe, dass das Kleine Wunder auch mir verzeihen kann. Denn oberflächlich betrachtet, bin ja ich es, die diese Familie zerstört hat. Sie ist sauer auf MICH. Er will ja.
      Das mit der liebevollen Güte, das wird noch ein weiter Weg für mich, denn täglich kommen neue Aktionen von ihm, die deutlich machen, dass er SICH im Blick hat, aber selten Das Kleine Wunder. Sie soll zu ihm kommen, weil es ihm gut tut. Er will plötzlich mit ihr Silvester verbringen (wir sind schon verabredet, inkl, ihrer Freundin A), denn er möchte nicht allein sein; er wollte sie spontan mit auf einen Wochenendtrip nehmen (Idee: Freitag Mittag, Abfahrt Samstag), obwohl sie schon mit Oma zum Plätzchen backen verabredet war und gerade jetzt Sicherheit und Kontinuität braucht. Seine Äußerung dazu: ja, das sieht er ein. Dann soll sie doch entscheiden, was sie lieber möchte. Als ich das ablehnte fuhr er allein und entschied Samstag Mittag, dass er das Kleine Wunder dann nicht wie üblich Sonntag Abend + Nacht nehmen kann, weil sich die Fahrt für ihn sonst nicht lohne. (Die Enttäuschung und Verunsicherung des Wunders war groß 😥 )
      Ich weiß manchmal nicht, ob ich weinen, schreien oder lachen soll.

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      1. Deshalb sage ich ja – sie wird dir verzeihen, denn wenn sie alt genug ist, geht es nicht um die oberflächliche Schuld. Klar, aus Kinderaugen bist du dran schuld, das musst du leider aushalten 😟 aber ihr wird ja klar werden, wie sehr ihr Papa an ihr gezehrt und sie benutzt hat. Das muss sehr weh tun das mit anzusehen 😐 er weiß gar nicht, was er anrichtet mit seinem Egoismus! Da würde ich bestimmt auch halb durchdrehen, schließlich geht es ja um die Kleine. Grrr. Blödmann!

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      2. Haha, ich hatte im letzten Satz „er“ statt „es“ gelesen. Nun ist es klarer.
        Der heutige Tag hat wieder gezeigt, dass er irgendwie außerhalb meiner Realität lebt. Ich hatte Blumen vor der Tür :-O

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  2. Ich schicke Dir viel viel viel Kraft, Liebe, Geduld!
    So aus der Ferne kann ich keine Diagnose geben, nur aus meiner eigenen mütterlichen Perspektive/Erfahrung heraus Dir zurufen:
    NEIN NEIN NEIN, Du bist NICHT schuld, Du hast die Familie NICHT zerstört.
    XY wird hoffentlich bald Hilfe bekommen und annehmen – nicht von Dir, Du hast so viel eigenes auf dem Rücken und das Kleine Wunder braucht Deine ganze Kraft. Leider habe ich eine Vorstellung davon, wie es ein Mädchen dieses Alters in solcher Situation komplett zum sich vergessen bringen kann.
    Leider gehört auch XY zu den Elternteilen, die ihre Kinder instrumentalisieren und damit gegen den anderen Elternteil aufbringen (ICH würde ja gern wieder mit Deiner Mama leben, aber Deine Mama will ja nicht). Es würgt mich, wenn ich das lese! Wenn er nur eine minimale Vorstellung davon hätte, was er damit für Konflikte und Leid im Kind auslöst!
    Wenn Du es irgend schaffst, ihn in eine Elternberatung zu bringen, die mit ihm umgehen können, vielleicht könnte ein wenig in ihm wach gerüttelt werden.

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    1. Liebe Agnes, lieben Dank Dir. Ich nehme alles an Zuspruch und guten Wünschen gerne an. Das hier gibt mir tatsächlich Kraft, schön, dass Ihr da seid 🙂
      Ich hoffe, ich bekomme ihn in so eine Beratung … er sieht es aber selbst ja irgendwie so gar nicht. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, dass er eine Auflage vom Jugendamt bekommt soetwas wahrnehmen zu müssen. Ich werde mich da erkundigen.

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  3. Ich möchte dir gerne meine spontanen Gedanken mitteilen. Du musst sie weder lesen noch annehmen. Es ist deine Entscheidung.
    In Momenten der Hilflosigkeit fällt es uns leicht uns selbst zu vernachlässigen und unsere inneren Konflikte zu vergessen, wenn wir uns um Menschen kümmern die wir lieben. Liebevolle Fürsorge kann jedoch als sehr hart empfunden werden für den, der sie als Geschenk erhält. Kinder wollen und brauchen Klarheit die sie durch konsequentes Verhalten am leichtesten erhalten. Sie sind solange sie noch ihr Leben leben weiser als Erwachsene. Nicht durch verstehen können sondern durch intuitives Begreifen. Irgendwann, wenn sie genug durch Erwachsene manipuliert wurden, verliert sich diese Fähigkeit, wird ins Unterbewusstsein verdrängt. Dies geschieht um so schneller je unberechenbarer Erwachsene sich verhalten. Was immer bleibt ist kindliches Verhalten, als Option ein Leben lang. Je weniger sich eine eigenständige, tragfähige und belastbare Persönlichkeit entwickelt umso ausgeprägter das kindliche Verhalten.
    Aus der Ferne betrachtet interpretiere ich kindliches Verhalten beim Vater des „kleinen Wunders“ Neben ausgeprägtem Selbstmitleid, Orientierungslosigkeit, Hilflosigkeit und Symptomen krankhafter Verhaltensweisen. Seine wankelmütigen Wünschen nachzugeben ist keine Hilfe, eher eine Unterstützung seines Verhaltens. Er hat den Zugang zu sich selbst verloren, lässt sich von seinen Gefühlen treiben ohne sich bewusst zu sein, dass er sie selbst kreiert. Durch konfuse Gedanken und Interpretation auf Grund von Hilflosigkeit und vor allem aus Angst. Angst etwas zu verlieren was nur in seinen Kopf existiert. Um wieder Boden unter den Füßen zu erhalten braucht er wohl professionelle Hilfe. Diese kann er von Fachleuten erhalten oder durch „Aufwachen“ auch durch ihn selbst. Sowohl zum Einem wie zum Anderen muss allein er selbst die Entscheidung treffen. Im Moment hat er sich mit seinem Elend und der Situation arrangiert. Er erhält Aufmerksamkeit und Mitgefühl. Es gibt keinen Grund nicht weiterhin im Selbstmitleid zu baden. Dein mutiger Schritt endlich Klarheit und Entscheidungen zu treffen sehe ich als einen guten Anfang. Er muss für sich Klarheit und Veränderung wollen sowie dann Entscheidungen treffen. Doch Einmischung und Zureden ist keine Hilfe. Hilfreich wäre jedoch meiner Meinung nach klare Forderungen zu stellen und Konsequenzen aufzeigen was „das kleine Wunder“ betrifft.
    Unabhängig von allem anderen hast auch du ein Leben möchtest für dich Klarheit und Zufriedenheit. Der Verantwortung für dich und deinem Kind kannst du am besten gerecht werden, wenn es dir gut geht. Es ist also kein Egoismus sondern Fürsorge und Mitgefühl für dein Kind und für dich, wenn du dich um dein Wohlbefinden kümmerst. Wie auch immer das Aussehen mag oder dir möglich ist. Alles ist erlaubt, jede Krücke die dir hilft und dir einen Moment Auszeit und Wohlbefinden erlaubt. Solange du dir dabei bewusst bist Krücken zu nutzen ist alles gut. Wenn der Kopf verrückt spielt ist intuitives Handeln hilfreicher als jeder Gedanke der dich gefangen hält. Dein Kind kann gut für sich selbst sorgen. Solange es weiß das es sein darf wie es ist, Gedanken und Gefühle angstfrei mit dir ausleben kann, weiß daß du da bist und ganz besonders wenn es sieht und spürt, dass es teilhaben kann an deinem Leben und deinen Gefühlen. Je mehr es dir gut geht, desto wohler fühlt sich auch dein Kind. Mit umsomehr mehr Leichtigkeit und positiver Wahrnehmung betrachtest du deine Situation, dein Leben, deine Mitmenschen und deine Welt.
    Das Leben ist schön, wenn wir aufhören uns an unseren negativen Gedanken festzuhalten. ❤️

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    1. Lieben Dank für Deinen sehr langen Beitrag den ich mehrfach gelesen und mir zu Herzen genommen habe. Immer wieder. Ich versuche das Licht und die Leichtigkeit wieder in mein Leben einzuladen, esfällt mir so schwer. Aber es gibt Momente.
      Alles Liebe, plejade ❤

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