(Un)ehrlich

Stets habe ich mir für einen sehr ehrlichen und aufrichtigen Menschen gehalten. Darauf war ich stolz. Und habe von anderen ebenso kompromisslos Ehrlichkeit verlangt. Dieser Tage wird mir zum ersten Mal bewusst, dass dem nicht so ist. Immerhin bin ich an dieser Stelle wenigstens jetzt mal mir selbst gegenüber ehrlich.

Ich lüge, um andere zu schonen. Aber ist es nicht so, dass ich vor allem mich schone, weil ich das Leid beim Anderen – das wohlmöglich ich verursacht habe – nicht aushalten kann?

Sehr, sehr oft in meinem Leben habe ich schon gelogen, weil ich meine Angst, meine Agoraphobie verbergen wollte. Habe Ausreden erfunden, um Verabredungen abzusagen, weil die Angst mir den Weg dort hin versperrte. Oder hab schon im Vorfeld behauptet keine Zeit zu haben. Ok, damit schade ich niemandem außer mir selbst. Und manchmal schütze ich mich damit vielleicht auch wirklich. Man bindet ja nicht jedem Hinz und jeder Kunzine gleich etwas über die eigene seelische Gesundheit auf die Nase.

Aber das Lügen um andere vor schlechten Gefühlen zu schützen. Das ist respektlos.

Schon den ganzen Tag versuche ich eine Nachricht zu formulieren, in der ich M sage, dass ich zwar gestern mit ihm geschlafen habe – wohlwissend, dass er in mich verliebt ist (denke ich zumindest, ausgesprochen hat er es nicht), mir aber gar nichts weiteres mit ihm vorstellen kann. Wobei: Letzteres weiß ich eigentlich erst seitdem er gestern gegangen ist. Ich habe ihn sicher nicht verführt, das ging schon von ihm aus – und es tat sooooo gut. Mein Kopf hat noch Halt! Stopp! gerufen, aber mein Körper, meine Seele, die wollten das einfach. Berührt werden. Und erst jetzt weiß ich, was mir eigentlich seit fast drei Jahren fehlt. Auch wenn das bei Weitem nicht alles war. Denn ohne das für mich dazugehörige Gefühl von Liebe oder wenigstens Verliebtheit ist Sex für mich wie ein Strandurlaub ohne Meer. Es ist schön im Sand zu liegen und von der Sonne gewärmt zu werden, aber dann fährt man nach Hause und fühlt sich irgendwie betrogen und leer.

Ich wollte das vorher geklärt haben, aber mein Verstand der hat sich dann einfach ins Nirwana verabschiedet. Und nun fühle ich mich schlecht, statt gut. Nicht einmal das. Ich nehme nicht einmal Genuss mit. Und versuche den ganzen Tag einen guten Weg zu finden, zu mir selbst zu stehen und verdammt nochmal ehrlich zu sein.

Vor vielen Jahren hatte ich mal eine Beziehung, die währte 1,5 Jahre. Die hatte genau so begonnen. Ich dachte, ich wäre verliebt, ein bisschen. Aber schon in der ersten Nacht stimmte etwas ganz und gar nicht. Aus Rücksicht – oder was zur Hölle steckt da noch für ein Monster hinter? – blieb ich mit ihm zusammen. Ich denke stets mit Grausen an diese Zeit. Es wäre so unmoralisch, so grausam gewesen, so völlig verdreht und ekelhaft, erst von Verliebtheit zu reden und dann nach der ersten Nacht alles wieder zu beenden. Aber deshalb 1,5 Jahre die doch viel verdrehter und grausamer – auch mir selbst gegenüber – waren, in denen ich mich wieder und wieder bemühte das richtige zu fühlen?

Bin ich das? Bin das ich? Das wird ihm weh tun. Und ich sehe mich in sehr schlechtem Licht stehen. Ich weiß, dass ich es ihm so schnell wie möglich sagen muss und lasse doch die Zeit verstreichen und verstecke mich mit meiner Wärmflasche in diesem Blog.

 

Nachtrag: Vielleicht erwarte ich auch zu viel von mir. Heute Morgen hatte ich einen mega anstrengenden Beratungstermin mit XY, der psychisch – wegen mir – total am Ende ist. Schon den Weg dahin war ich ein pures Panikbündel, denn die Innenstadt ist einer meiner großen Angst-Orte.

8 Kommentare zu „(Un)ehrlich

  1. Die Verantwortung für ihre eigenen Gefühle haben die Menschen selbst. Du hast nur Verantwortung für deine Gefühle. Und wenn du etwas nicht willst, hast du jedes Recht der Welt, es nicht zu wollen – sogar ohne dich rechtfertigen zu müssen. Du musst dich nicht erklären, auch wenn so mancher das gerne einfordert. Alles, was du maximal schuldig bist, ist Ehrlichkeit. Aber selbst hier darfst du wählen, ob du wirklich alles auf den Tisch legen willst.

    Ich würde M, falls ich meine Meinung äußern darf (falls nicht, einfach überlesen :-)), das schreiben, was du hier geschrieben hast. Dass dir bei seinem Gehen klar geworden ist, dass du dir nichts vorstellen kannst. Es kann sein, dass er wissen will, wieso, weshalb, warum. Aber du bist ihm die Antwort nicht schuldig. Vielleicht weißt du es nicht mal selbst. Und alles, was du sagst, wird (erfahrungsgemäß) filetiert und argumentativ bekämpft. Daher wäre mein Tipp: Strack raus, was Sache ist und nicht auf Rechtfertigungsdiskussionen einlassen.

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    1. Und danke. Du hast mir sehr weiter geholfen. Wirklich sehr. Ich habe mich so schlecht gefühlt und mal wieder so verantwortlich für das Gefühlsleben eines anderen Menschen. Du hast mir da den Kopf gerade gerückt.

      Denn nebenbei: ich war wirklich distanziert, so wie es eben auch meine Art ist diese Dinge langsam angehen zu lassen etc., ich brauche ewig Zeit um einem Menschen soweit zu vertrauen um selbst körperlich auf ihn zuzugehen. Und M hat wirklich einfach drauf los gemacht, gekuschelt und geküsst. Das ging definitiv alles von ihm aus. Und auch wenn das eigentlich nicht so viel Relevanz hat, so ist es doch erstaunlich, dass ich erstmal zu dieser Erkenntnis gelangen musste, dass nicht ich da die Verantwortung für das geschehen alleine trage. Ich bin auch nur ein Mensch. Zum Glück. Mein Leben ist so voller Disziplin, dass ich es eigentlich als Fortschritt werten sollte, dass ich mich einfach dem schönen Gefühl für den Moment hingegeben habe.

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