Der hat auch Angst

Manchmal, wenn ich unterwegs bin und mich die Angst befällt, schaue ich mir die Menschen in meiner Umgebung an und überlege, dass einige von Ihnen sicher auch Angst und Panikattacken kennen. Das hilft mir.

Dehalb lese ich gerade das „Ich bin mal eben wieder tot – wie ich lernte mit Angst zu leben“ von Nicholas Müller. Nicholas Müller war bis 2014 Frontman der Band Jupiter Jones. Ich finde es immer wieder ausgesprochen mutig, wenn Menschen ihre Angsterkrankung öffentlich machen. Noch mehr als Depression scheint eine Angstneurose ein Tabuthema. Eine Phobie vor Spinnen oder Mäusen oder die Angst Fahrstuhl zu fahren ist vielleicht gesellschaftsfähig. Aber ich eine „ich gehe nicht aus dem Haus-“Angst wie die Agoraphobie unter der ich leide, oder auch die Sozialphobie scheinen in unserer Gesellschaft mit der Anmutung von Schwäche verknüpft. Ich habe das selbst stark internalisiert – d.h. dieser Glaubenssatz hat sich in mir fest gefressen. Ich schäme mich dafür, dass ich es trotz wiederholter Therapien einfach nicht schaffe, die Angst Angst sein zu lassen und trotzdem so zu leben, wie ich es möchte.

Vor lauter Scham habe ich es über die Jahre gelernt, meine Angst und meine diesbezügliche Erkrankung virtous zu verstecken. Ich lasse die meisten Menschen einfach nicht so nah an mich heran, dass sie etwas bemerken können. Sie bemerken nicht, dass ich nur in einem winzigen Radius im Park jogge und niemals allein im anderen Teil des Parks zu sehen bin. Sie wissen nicht, dass ich zu jeden Termin  außerhalb eines vielleicht 1 Kilometer großen Radius eine vertraute Person zur Begleitung brauche. Sie ahnen nicht, dass es Tage gibt, in denen ich nur mit Herzrasen überhaupt vor die Tür treten kann oder sogar hyperventiliere wenn ich einfach nur allein in meiner schönen, sicheren Wohnung sitze. Selbst eine Panikattacke beim Arzt während der Blutdruckmessung blieb unbemerkt – weil mein Blutdruck trotzdem noch im oberen Normbereich war. Ja, ich habe sogar schon mehrfach mit schwerer Panik auf der Bühne gestanden und nach außen souverän meinen Text vortragen können.

Wieviele Lügen ich schon erzählt habe, wieviel Ausreden, warum ich früher gehe oder gar nicht erst irgendwo erscheine. Ich habe es sogar ohne große Verluste geschafft, dass ich nur ca. 2 x im Jahr Kundengespräche führen muss, die nicht in meinem Büro stattfinden. Wenn es doch anders sein muss, nehme ich mir jemanden mit, der mich hinbringt und irgendwo sehr in der Nähe auf mich wartet. Und kämpfe in der Regel dennoch massiv mit Angst. In zwei Tagen ist es wieder soweit und in meiner Tassche leuchten die zwei Tavor Tabletten, die mir der Arzt in der Mutter-Kind-Kur für den Notfall gab. Aber im Grunde traue ich mich noch nicht einmal dieses Medikament zu nehmen. Weil ich nicht weiß, wie ich darauf reagiere. So bleibt auch dieser Ausweg verschlossen.

Und jetzt lese ich das oben genannte Buch und während des Lesens steigt tatsächlich schon wieder Angst in mir hoch. Weil Nicholas Müller irgendwann total zusammengebrochen ist. Und ich Angst vor genau so einem Zusammenbruch habe. Ich bin doch Mutter! Und der Vater ist gerade wegen Depression und Angst in einer Klinik. (Ja, er ist zusammengebrochen. Und das ist auch irgendwie so typisch in dieser Konstellation. Denn ich funktioniere weiter und bin für unser Kind da. Ist das jetzt eine Stärke oder eine Schwäche?). Dennoch tut das Lesen gut. Weil es jemand geschrieben hat, den man kennt. Den ich kenne, weil er in der Öffentlichkeit stand. Und der das zugibt, dieses Angst. Dieses lächerliche Sich-vor-allem-möglichen-ängstigen, während es einem doch eigentlich viel zu gut geht. Herr Müller ist mittlerweile übrigens Schirmherr der DASH – Deutsche Angst-Selbsthilfe. Er hat es geschafft aus seiner Erkrankung etwas Gutes zu ziehen und hilft mit seinen Erfahrungen nun anderen. Ich wünschte, ich könnte das auch. Und ich wünschte, ich könnte auch sagen: Wie ich lernte mit der Angst zu leben. Doch nach mittlerweile 30 oder vielleicht sogar 36 Jahren Angst und Phobie fehlt mir dafür meist die Vorstellungskraft. Leider.

 

 

 

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser

… und zwar zuallererst in sich selbst. In die eigene Wahrnehmung und in die eigene (Handlungs-)Kompetenz. Zumindest für mich ist das ein großes Thema.

 

Seminarerfahrungen

Am Samstag war ich dann doch im zweiten Teil meines seit Langem gebuchten Achtsamkeit-Seminars. Es war ein Meditationsworkshop und man könnte meinen, das sei entspannend. Ist es auch. Aber gerade auch dadurch, dass ich durch die Erkältung sehr geschwächt war, habe ich gemerkt, dass dies eben doch auch mühevoll ist und mit viel Disziplin verbunden ist. Während der Sitzmeditationen sehnte ich mich danach zu liegen, der theoretische Teil beinhaltete keinen neuen Input für mich und ich war schon kurz davor zu gehen … um dann zu Hause … zu liegen! Aber ich hielt durch.

Die für mich wirklich softe Yoga-Sequenz bot mir eine besondere Herausforderung: Nämlich zu akzeptieren, dass ich Hier und Jetzt selbst das sehr anstrengend finde und meine körperlichen Grenzen so tief lagen, dass ich dem Drang darzustellen, dass ich Yoga „ja schon gut kann“ wiederstehen musste. Und es doch nicht in Gänze tat. Es. War. So. Anstrengend. Dabei waren das Pipifax-Asanas für mich. Bleibt die Frage offen: Warum muss ich eigentlich mein „Können“ zur Schau stellen? Yoga ist nicht Können, Yoga ist tun. Yoga ist Jetzt. Yoga ist: in den eigenen Grenzen zu bleiben und Yoga ist nicht Ehrgeiz und Zielerreichung.

Und dann gab es noch die Imaginatonsreise zum Thema Vertrauen. In der Nachbesprechung fiel mir dann auch wieder ein, dass das auch schon im Titel des Kurses eingefügt war. Irgendwas mit Achtsamkeit und Vertrauen. Hatte ich (un)bewusst aus einer Vielzahl von angebotenen Achtsamkeits-Seminaren ausgewählt. Und dann wieder vergessen. Na sowas! Und in der Übung und Nachbesprechung wurde mir einiges klar. Nämlcih, dass ich ein riesengroßes Vertrauensproblem habe. Und das nicht erst seit gestern. Wem vertraue ich in meinem momentanem Leben? Die ernüchternde Antwort: Niemandem zu 100%. Es gibt ein paar 60, 70 oder vielleicht auch 80% Kandiat*innen. Am allermeisten vertraue ich meinem Kind.

 

Als-ob-Mädchen

Ich habe in den letzten 10, 15 Jahren viele Erfahrungen machen müssen, die mich als die Betrogene, Belogene zurück ließen. Aber das fußte vor allem darauf, dass ich mir selbst nicht vertraut habe. Denn die vermeintlichen Geheimnisse meiner Gegenüber, denen ich so naiv deren Worte glaubte, entblößten sich doch eigentlich in ihren Handlungen, die ich wahrnahm, deren Schrägheit ich erspürte  – um dann das Gefühl dazu weg zu sperren.

Und weiter zurück? Wem habe ich in meiner Kindheit vertraut? Meinen Eltern nicht. Zumindest nicht so, dass ich mich zeigen konnte. Ich habe immer so getan als ob. Als ob ich fröhlich wäre. Als ob ich mich über ein Geschenk freuen würde. Als ob ich keine Angst hätte. Als ob ich mich wohl fühlen würde. Als ob ich gern zur Schule gehen würde. als ob alles in Ordnung wäre. Ich habe nicht erzählt, dass mich ein Mann im Auto mitnehmen wollte.

Nachdem mein Vater ausgezogen ist, habe ich so getan als ob auch ich – wie meine Mutter – keinen Appetit hätte und im Essen gestochtert. Weil das doch ein deprimierendes Ereignis war und man nicht mehr genießen und lachen durfte. Und dann, als etwas Zeit vergangen war und ich wirklich deprimiert war, dannhabe ich wieder so getan, als wäre alles gut. Meine Noten waren gut. Ich habe alles „richtig“ gemacht. Als ob ich das einfach so wegstecke. Das meine Mutter  mit Selbstmord droht. Das ich keinen Kontakt zu meinem Vater habe. Das mein großer Bruder dicht macht und kein großer Bruder sein kann. Ich habe nicht erzählt, dass der Sportlehrer in die Mädchenduschen kam, dann und wann.

Ich habe ein Vertrauensproblem. Ein sehr großes. Und das macht mich traurig.

 

Geburt

Aber es gab da was … das Gebären. Das war eine erleuchtende Erfahrung der Hingabe für mich. Ich hatte keine Angst. Ich! Ich, die doch immer und vor allem Angst hat! Ich habe immer gesagt: Ach, zur Not würde ich das Kind auch allein zu Hause auf die Welt bringen. Haben schon Millionen Frauen vor mir geschafft. Ich habe mich eingebettet gefühlt in die Menschheitsgeschichte. In eine Geschichte voller gebärender Frauen. In einem immer wiederkehrenden Kreislauf von Geburt und Tod. Ich habe, ja tatsächlich, ich habe vertraut! Die Geburt im Geburtshaus, ich habe Glück gehabt, es hat nur ein paar Stunden gedauert und alles lief so glatt wie es nur laufen kann. Nicht einmal verletzt war ich. Ich war ein Tier, ein Werkzeug des Universums, es ist mir mir geschehen. Ich konnte es geschehen lassen.

Der gleiche Prozess passiert in klein manchmal, wenn ich schreibe. All mein guten Texte sind so entstanden. Sie sind nur durch mich hindurch geflossen, durch mich als Kanal und dann auf das Papier.

 

Immer der Anfang

Und das ist eine Ressource.  Dort finde ich mein Vertrauen, in diesem Erlebnis. Und ganz passend spürte ich in der geführten Meditation zum Thema Vertrauen das Gefühl dazu in meinem Unterleib.

Und das ist das wertvollste, was ich aus diesem Seminar mit nach Hause genommen habe: Die Neugier auf diese Ressource die da in mir schlummert. Die Neugier darauf, was passieren wird, wenn ich lerne zu vertrauen. Denn Neugierde ist immer der Anfang vom Tun.

Das große Finale als Anfang?

Es ist so viel. Es ist immer so viel. Wann kann das endlich aufhören? Ich will doch nur ein friedliches Leben führen …

XY ist in der Psychatrie, endlich. Er ist weg, er lässt sich helfen. Das ist eine große Entlastung. Und doch fühle ich mich kaum erleichtert. Die Probleme bleiben.

Das Wochenende mit dem Kleinen Wunder war ein mütterlicher Kraft-Akt. Bettnässen, Wutanfälle, Anlehungsbedürftigkeit, Alpträume und unruhiger Schlaf. Weiterhin nicht-in-die Schule-Wollen und auch nicht in den Hort. Mir tut alles weh. Vor allem das Herz. Dazu sind wir beide richtig stark erkältet.

Meine Mutter hilft. Das Wunder ist jetzt bei ihr. Damit ich mich ein bisschen ausruhen kann. Und damit der alte Rhythmus einigermaßen bestehen bleiben kann. Und doch fühle ich mich so allein mit allem. Der zweite Elternteil fehlt. Immer fehlt er. Schon immer. Ich mache mir das Leben schwer, weil ich allen Entscheidungen diesbezüglich eine große Schwere gebe.

Ich möchte das Kleine Wunder beschützen, doch ich kann es nicht. Und ich kann nicht alles wieder gut machen, was ihr Vater vielleicht verbockt hat. Was ich verbockt habe. Ich kann es nicht. Und ich kann ihr auch nicht die Last abnehmen, dass sie eine chronisch kranke Mutter hat. Eine Mutter mit Multiple Sklerose. Eine mit starker Angst-Störung und Depression. Und einen Vater mit Depression. Einen Alkoholiker. Der vielleicht sogar eine Persönlichkeitsstörung hat. Und eine Oma mit Angstproblematik, traumatisiert. Und eine andere Oma, die erst vor drei Jahren einen Suizidversuch unternommen hat. Was sind das für Lasten?

Wie soll ihre Zukunft aussehen? Wie meine? Wie unsere gemeinsame? Nach ein paar Wochen Therapie wird ihr Papa kein neuer Mensch sein.

Alles kommt mir bleischwer vor.

Diese Tage, schwarzbunt

  • Heute ist der 5. Johanniskrauttag. Ich hoffe auf eine Wirkung nach zwei Wochen und zähle die Tage … noch 9 Tage.
  • Am Montag waren wir endlich in der Beratung, mein Ex und ich. Ich konnte dort im geschützten Rahmen nochmal ganz deutlich sagen, dass ich mich schon länger als Single sehe. Für ihn war das sichtbar schlimm. Er hatte es wirklich nicht wahr haben wollen. Mich hat das auch aufgewühlt, ich bin voller Mitgefühl und kam mir irgendwie schlecht vor. Ich hatte ja Angst, dass er ausrastet, das ist aber nicht geschehen. Er war gleich in der Trauer, statt wie ind er Vergangenheit so oft den Umweg über Wut zu nehmen. Danach hatten wir sogar noch ein längeres gutes Gespräch, das auch mur gut getan hat.
  • Mit T. komme ich gut klar, es wirft mich weniger aus der Bahn als gedacht. Und glaube mittlerweile wirklich, dass wir zusammen in einer Freundschaft besser aufgehoben sind, als in einer Beziehung. Sehnsucht bleibt, aber das ist vielleicht auch eine ganz alte Sehnsucht, die weniger mit T direkt zu tun hat.
  • M (das Date von neulich) ist im Urlaub. Ich habe ihn 3x getroffen und es war jedes Mal toll. Lustig, tiefsinnig, angenehm. Und er scheint von mir angetan. Seitdem er im Urlaub ist, schreiben wir uns täglich und ich bin gespannt auf seine Rückkehr.
  • Ich gehe fast jeden Morgen kurz Laufen, Intervalltraining. Heute bin ich bei 4 x 2 Minuten Gehen, 5 Minuten Laufen im Wechsel angekommen. Es fühlt sich gut an (hinterher). Was mich deutlich motiviert, ist der Wille kein chemisches Antidepressivum nehmen zu müssen.
  • Ich versuche mehr Erinnerungen an meine Kindheit zu aktivieren. Es ist seltsam, dass ich nur so kurze Erinnerungsfetzen habe und das meiste im Dunkeln liegt. Ich frage mich, ob was passiert ist.
  • Bitte, liebes Universum, lass das Johanniskraut bald wirken, ich möchte mich so gern wieder besser fühlen.

Um meine Augen zieht die Nacht sich, wie ein Ring zusammen

Dieses Gedicht von Else Lasker-Schüler hat mir schon in der 11. Klasse so sehr aus der Seele gesprochen und zur Zeit kommt es mir wieder sehr oft in den Sinn. Es wäre so schön, leichten Fußes durch das Leben zu gehen, aber das scheint nicht mein Programm zu sein. Seit gestern nehme ich Johanniskraut, zum Venlafaxin konnte ich mich wirklich nicht durchringen.


Gott hör …

Um meine Augen zieht die Nacht sich
Wie ein Ring zusammen.
Mein Puls verwandelte das Blut in Flammen
Und doch war alles grau und kalt um mich.

O Gott und bei lebendigem Tage,
Träum ich vom Tod.
Im Wasser trink ich ihn und würge ihn im Brot.
Für meine Traurigkeit gibt es kein Maß auf deiner Waage.

Gott hör … In deiner blauen Lieblingsfarbe
Sang ich das Lied von deines Himmels Dach –
Und weckte doch in deinem ewigen Hauche nicht den Tag.
Mein Herz schämt sich vor dir fast seiner tauben Narbe.

Wo ende ich? – 0 Gott!! Denn in die Sterne,
Auch in den Mond sah ich, in alle deiner Früchte Tal.
Der rote Wein wird schon in seiner Beere schal …
Und überall – die Bitternis – in jedem Kerne.

Tag ohne Farben

Traurig, sehr traurig ins Bett gegangen, unruhig geschlafen, deprimiert aufgewacht. Froh, heute meine monatliche Therapiestunde zu haben und dann war es so zäh. Die Therapeutin meinte irgendwann, sie hätte jetzt Watte im Kopf. Hatte ich schon vorher. Und hinterher. Und jetzt.

Und neben mir liegt eine Packung Antidepressiva, die mir der Schmerztherapeut, neben Ergotherapie, am Montag verschrieben hat. Heute erst hab ich das Rezept eingelöst. Unentschlossen. Ich hatte darauf gehofft, dass er mir was verschreibt. Und nun überwiegt die Angst vor Nebenwirkungen. Was, wenn alles nur noch schlimmer wird? Panikattacken und Unruhe als Nebenwirkung. Dankeschön. Absetzsyndrom. Toll. Schaffe ich es nicht doch besser ohne Medikamente? Wird mein Körper es mir nicht viel eher danken, wenn ich es ohne hinkriege? Das Gefühl von Depersonalisation, das ebenfalls als Nebenwirkung auftreten kann, kenne ich doch nur zu gut, es ist einer meiner schlimmsten Angsttrigger. Blutungsneigung, Übelkeit, Erbrechen (Ey, ich habe eine Emetophobie! Also Angst vor dem Erbrechen). Schlimmer gehts auch noch. Aber das ist dann nur selten der Fall.

Aber es soll langfristig gegen die Schmerzen helfen, gegen dieses lähmende Gefühl der Depression, gegen Angstgefühle. Das wäre ja ein Traum! Lande ich damit im Paradies der Leichtigkeit? Unwahrscheinlich. Aber ein bisschen mehr Licht wäre schon gut.

Ich fühle mich gerade jetzt überhaupt gar nicht in der Lage eine Entscheidung zu treffen. Es ist schon schwer genug, zu entscheiden, was ich Morgens anziehe, damit ich mich einigermaßen wohl fühle.

Ich vermisse T. Würde ihn gerne anrufen und mit ihm darüber sprechen. Aber da er sich nicht meldet, lasse ich es auch. Ich kenne das Gefühl, wenn jemand Gefühle für mich hat, die ich nicht habe. Das kann auch leicht mal nerven,

Die Angst an die Hand genommen

Seit einiger Zeit meditiere ich täglich mit Hilfe einer wunderbaren App: https://7mind.de/ – ich weiß nicht, ob es wirklich Meditation ist, was ich da mache. Denn meist bin ich so erschöpft, dass ich dabei liege und oft auch einschlafe. Dennoch merke ich nach 38 Tagen, dass die Übungen eine Wirkung entfalten.

Momentan arbeite ich mit 7Mind in einer Übungsreihe zum Thema Angst. Und damit ist es mir tatsächlich gelungen meiner Angst ein Gesicht zu geben. Diesen Rat habe ich ja schon öfter gehört – mit der Angst reden, eine Form für sie finden. Aber es blieb immer ein diffuses Bild. Nun sehe ich, dass ich es mit einem kleinen, mal Schwarz, mal Weiß gekleidetem Mädchen zu tun habe. Es klammert sich ganz oft an meine Beine, will mich aufhalten, zögert, weint und braucht sehr viel Liebe. Im Grunde will es mich vor Einsamkeit bewahren.

Am letzten Freitag haben wir es zusammen zur Friseurin geschafft. Ich wollte unbedingt meinen Pony nachschneiden lassen und hab vorher mit dem Angst-Mädchen gesprochen, dass ich es mitnehmen werde. Das ich nicht, wie sonst, um jeden Preis versuchen will sie loszuwerden und allein draußen stehen zu lassen. Ich habe ihr versprochen, dass sie auf meinem Schoß sitzen und dabei bleiben darf. Und das wir das trotzdem zusammen machen und nicht weglaufen werden.

Und tatsächlich hat mir dieses Bild geholfen und ich konnte mit frisch geschnittenem Pony zum Mittagstreff mit T. gehen. Wir haben gezittert und Luft geholt und in den Spiegel gesehen und fast geweint vor Angst. Aber wir sind geblieben bis die Angst fort war.

Am Abend habe ich mich kurz über meine Erschöpfung gewundert – aber, Leute! Ich! War! Beim! Friseur! Und danach dann dieses spontane Treffen mit T. – wieso wundere ich mich über Erschöpfung????

 

P.S.: Gestern war ich zusammen mit dem Angst-Mädchen beim „ich kann nicht singen-Chor“ – auch hier wollte das Angst-Mädchen mich aufhalten und ist dann einfach mit gekommen.

 

Mit Schmerzen umgehen

Gestern hatte ich endlich meinen ersten Termin beim Schmerzarzt. Ich leide schon lange, viele Jahre, unter Rückenschmerzen. In den letzten Jahren hat sich das verschärft. Es sind neue Schmerzstellen dazu gekommen, die Schmerzen sind immer häufiger so stark, dass sie mir den Schlaf rauben, meine Puls in die Höhe jagen und mich einfach zermürben.

Das war gestern ein positives Erlebnis! Endlich einer, der zuhört, das (mich) ernst nimmt und genau nachfragt. Nach diesem ersten Anamnese-Gespräch führe ich seit gestern ein Schmerztagebuch (ich trage mindestens 3x tgl. ein wie groß die Schmerzen auf einer Skala von 1–10 sind) und in zwei Wochen habe ich dann einen nächsten Termin, wo es dann um erste Maßnahmen gehen wird. Das kann dann gezielte Physiotherapie, Feldenkrais, ein Entspannungskurs, evtl. Medikamente, Psychotherapie, eine Selbsthilfegruppe … sein. Das nenne ich ganzheitlich.

Eigentlich wollte ich doch …

… noch schreiben, wie die Kur war (im Mai/Juni). Und schreiben, wie es mir geht. Und schreiben, dass ich so langsam glaube, eine Depression zu haben. Aber es ist so viel und so unverständlich für mich, dass ich gar keinen Ansatz dazu gefunden habe.

Die Kur war nicht so toll, wie sie hätte sein dürfen. Nach ca. der Hälfte ging es mir dort richtig schlecht. Angst, Panik, Depression, das volle Programm. Aber es wurde dann wieder besser, einfach weil ich es ausgehalten habe. Denn geholfen wurde mir dort nicht, war ja „nur“ eine Mutter-Kind-Kur und auf solche Krisen sind die dort nicht eingestellt. Und meine Therapeutin (die jetzt nicht mehr meine Therapeutin ist, weil eas die letzte Stunde war in der sie das sagte) meinte: „Toll. Das konnten sie hoffentlich mit nach Hause nehme. Diese Erfahrung, dass die Angst auch wieder nachlässt.“ Und ich sage: „Ja.“

Aber was ich in Wirklichkeit mit nach Hause genommen habe, ist die Erkenntnis (wieder mal), dass die Angst mich überall und immer einholen kann und ich dem kaum etwas entgegensetzen kann wenn es soweit ist. Und die Depression war auch nicht weg mit dem Ende der Kur. Und mit der Depression geht die Angst Hand in Hand spazieren. Oder die Angst schleift die Depression am Halsband hinter sich her. Oder die Depression klammert sich an die Angst. Ich weiß es nicht.

Jedenfalls sind sie beide da. Nicht permanent, ich habe richtig gute Tage zwischendurch. Oder Momente. Oder Abende. Aber sie sind beide so viel häufiger da. Und die Abstände zwischen den Angstgefühlen und zwischen den Panikattacken werden kleiner. Und die Situationen in denen mich die Angst einholt häufiger. Sie greift nach meinem Alltag. So richtig. Ich hatte in den letzten vier Wochen mehr Panik als im ganzen Jahr davor zusammen genommen.

Und in meinem Kopf ist dieser eine Gedanke: Es darf mir nicht so schlecht gehen, es darf auf keinen Fall schlimmer werden, ich muss es schaffen, dass es mir wieder besser geht. Denn ich muss für meine Tochter da sein.

Erwachsen?

Da fahre ich voller Angst und Adrenalin mit dem Rad zum 500 Meter entfernten Laden um einzukaufen. Mit dem Rad, weil ich damit schneller bin, zu Fuß noch mehr Panik hätte. Und dann sehe ich Das Kleine Wunder wie es dort entlang tapert. Ganz allein. Auf dem Weg von der Schule zum Hort, sich auf halber Strecke mit dem Erzieher treffend. Mit ihren fünf Jahren, voller Vertrauen diesen Weg meisternd, der viel weiter ist, als der meinige und den ich überhaupt nicht allein bewältigen könnte zu Fuß und allein.

Ich konnte meine Tränen nur mit Mühe zurück halten.