Der hat auch Angst

Manchmal, wenn ich unterwegs bin und mich die Angst befällt, schaue ich mir die Menschen in meiner Umgebung an und überlege, dass einige von Ihnen sicher auch Angst und Panikattacken kennen. Das hilft mir.

Dehalb lese ich gerade das „Ich bin mal eben wieder tot – wie ich lernte mit Angst zu leben“ von Nicholas Müller. Nicholas Müller war bis 2014 Frontman der Band Jupiter Jones. Ich finde es immer wieder ausgesprochen mutig, wenn Menschen ihre Angsterkrankung öffentlich machen. Noch mehr als Depression scheint eine Angstneurose ein Tabuthema. Eine Phobie vor Spinnen oder Mäusen oder die Angst Fahrstuhl zu fahren ist vielleicht gesellschaftsfähig. Aber ich eine „ich gehe nicht aus dem Haus-“Angst wie die Agoraphobie unter der ich leide, oder auch die Sozialphobie scheinen in unserer Gesellschaft mit der Anmutung von Schwäche verknüpft. Ich habe das selbst stark internalisiert – d.h. dieser Glaubenssatz hat sich in mir fest gefressen. Ich schäme mich dafür, dass ich es trotz wiederholter Therapien einfach nicht schaffe, die Angst Angst sein zu lassen und trotzdem so zu leben, wie ich es möchte.

Vor lauter Scham habe ich es über die Jahre gelernt, meine Angst und meine diesbezügliche Erkrankung virtous zu verstecken. Ich lasse die meisten Menschen einfach nicht so nah an mich heran, dass sie etwas bemerken können. Sie bemerken nicht, dass ich nur in einem winzigen Radius im Park jogge und niemals allein im anderen Teil des Parks zu sehen bin. Sie wissen nicht, dass ich zu jeden Termin  außerhalb eines vielleicht 1 Kilometer großen Radius eine vertraute Person zur Begleitung brauche. Sie ahnen nicht, dass es Tage gibt, in denen ich nur mit Herzrasen überhaupt vor die Tür treten kann oder sogar hyperventiliere wenn ich einfach nur allein in meiner schönen, sicheren Wohnung sitze. Selbst eine Panikattacke beim Arzt während der Blutdruckmessung blieb unbemerkt – weil mein Blutdruck trotzdem noch im oberen Normbereich war. Ja, ich habe sogar schon mehrfach mit schwerer Panik auf der Bühne gestanden und nach außen souverän meinen Text vortragen können.

Wieviele Lügen ich schon erzählt habe, wieviel Ausreden, warum ich früher gehe oder gar nicht erst irgendwo erscheine. Ich habe es sogar ohne große Verluste geschafft, dass ich nur ca. 2 x im Jahr Kundengespräche führen muss, die nicht in meinem Büro stattfinden. Wenn es doch anders sein muss, nehme ich mir jemanden mit, der mich hinbringt und irgendwo sehr in der Nähe auf mich wartet. Und kämpfe in der Regel dennoch massiv mit Angst. In zwei Tagen ist es wieder soweit und in meiner Tassche leuchten die zwei Tavor Tabletten, die mir der Arzt in der Mutter-Kind-Kur für den Notfall gab. Aber im Grunde traue ich mich noch nicht einmal dieses Medikament zu nehmen. Weil ich nicht weiß, wie ich darauf reagiere. So bleibt auch dieser Ausweg verschlossen.

Und jetzt lese ich das oben genannte Buch und während des Lesens steigt tatsächlich schon wieder Angst in mir hoch. Weil Nicholas Müller irgendwann total zusammengebrochen ist. Und ich Angst vor genau so einem Zusammenbruch habe. Ich bin doch Mutter! Und der Vater ist gerade wegen Depression und Angst in einer Klinik. (Ja, er ist zusammengebrochen. Und das ist auch irgendwie so typisch in dieser Konstellation. Denn ich funktioniere weiter und bin für unser Kind da. Ist das jetzt eine Stärke oder eine Schwäche?). Dennoch tut das Lesen gut. Weil es jemand geschrieben hat, den man kennt. Den ich kenne, weil er in der Öffentlichkeit stand. Und der das zugibt, dieses Angst. Dieses lächerliche Sich-vor-allem-möglichen-ängstigen, während es einem doch eigentlich viel zu gut geht. Herr Müller ist mittlerweile übrigens Schirmherr der DASH – Deutsche Angst-Selbsthilfe. Er hat es geschafft aus seiner Erkrankung etwas Gutes zu ziehen und hilft mit seinen Erfahrungen nun anderen. Ich wünschte, ich könnte das auch. Und ich wünschte, ich könnte auch sagen: Wie ich lernte mit der Angst zu leben. Doch nach mittlerweile 30 oder vielleicht sogar 36 Jahren Angst und Phobie fehlt mir dafür meist die Vorstellungskraft. Leider.

 

 

 

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser

… und zwar zuallererst in sich selbst. In die eigene Wahrnehmung und in die eigene (Handlungs-)Kompetenz. Zumindest für mich ist das ein großes Thema.

 

Seminarerfahrungen

Am Samstag war ich dann doch im zweiten Teil meines seit Langem gebuchten Achtsamkeit-Seminars. Es war ein Meditationsworkshop und man könnte meinen, das sei entspannend. Ist es auch. Aber gerade auch dadurch, dass ich durch die Erkältung sehr geschwächt war, habe ich gemerkt, dass dies eben doch auch mühevoll ist und mit viel Disziplin verbunden ist. Während der Sitzmeditationen sehnte ich mich danach zu liegen, der theoretische Teil beinhaltete keinen neuen Input für mich und ich war schon kurz davor zu gehen … um dann zu Hause … zu liegen! Aber ich hielt durch.

Die für mich wirklich softe Yoga-Sequenz bot mir eine besondere Herausforderung: Nämlich zu akzeptieren, dass ich Hier und Jetzt selbst das sehr anstrengend finde und meine körperlichen Grenzen so tief lagen, dass ich dem Drang darzustellen, dass ich Yoga „ja schon gut kann“ wiederstehen musste. Und es doch nicht in Gänze tat. Es. War. So. Anstrengend. Dabei waren das Pipifax-Asanas für mich. Bleibt die Frage offen: Warum muss ich eigentlich mein „Können“ zur Schau stellen? Yoga ist nicht Können, Yoga ist tun. Yoga ist Jetzt. Yoga ist: in den eigenen Grenzen zu bleiben und Yoga ist nicht Ehrgeiz und Zielerreichung.

Und dann gab es noch die Imaginatonsreise zum Thema Vertrauen. In der Nachbesprechung fiel mir dann auch wieder ein, dass das auch schon im Titel des Kurses eingefügt war. Irgendwas mit Achtsamkeit und Vertrauen. Hatte ich (un)bewusst aus einer Vielzahl von angebotenen Achtsamkeits-Seminaren ausgewählt. Und dann wieder vergessen. Na sowas! Und in der Übung und Nachbesprechung wurde mir einiges klar. Nämlcih, dass ich ein riesengroßes Vertrauensproblem habe. Und das nicht erst seit gestern. Wem vertraue ich in meinem momentanem Leben? Die ernüchternde Antwort: Niemandem zu 100%. Es gibt ein paar 60, 70 oder vielleicht auch 80% Kandiat*innen. Am allermeisten vertraue ich meinem Kind.

 

Als-ob-Mädchen

Ich habe in den letzten 10, 15 Jahren viele Erfahrungen machen müssen, die mich als die Betrogene, Belogene zurück ließen. Aber das fußte vor allem darauf, dass ich mir selbst nicht vertraut habe. Denn die vermeintlichen Geheimnisse meiner Gegenüber, denen ich so naiv deren Worte glaubte, entblößten sich doch eigentlich in ihren Handlungen, die ich wahrnahm, deren Schrägheit ich erspürte  – um dann das Gefühl dazu weg zu sperren.

Und weiter zurück? Wem habe ich in meiner Kindheit vertraut? Meinen Eltern nicht. Zumindest nicht so, dass ich mich zeigen konnte. Ich habe immer so getan als ob. Als ob ich fröhlich wäre. Als ob ich mich über ein Geschenk freuen würde. Als ob ich keine Angst hätte. Als ob ich mich wohl fühlen würde. Als ob ich gern zur Schule gehen würde. als ob alles in Ordnung wäre. Ich habe nicht erzählt, dass mich ein Mann im Auto mitnehmen wollte.

Nachdem mein Vater ausgezogen ist, habe ich so getan als ob auch ich – wie meine Mutter – keinen Appetit hätte und im Essen gestochtert. Weil das doch ein deprimierendes Ereignis war und man nicht mehr genießen und lachen durfte. Und dann, als etwas Zeit vergangen war und ich wirklich deprimiert war, dannhabe ich wieder so getan, als wäre alles gut. Meine Noten waren gut. Ich habe alles „richtig“ gemacht. Als ob ich das einfach so wegstecke. Das meine Mutter  mit Selbstmord droht. Das ich keinen Kontakt zu meinem Vater habe. Das mein großer Bruder dicht macht und kein großer Bruder sein kann. Ich habe nicht erzählt, dass der Sportlehrer in die Mädchenduschen kam, dann und wann.

Ich habe ein Vertrauensproblem. Ein sehr großes. Und das macht mich traurig.

 

Geburt

Aber es gab da was … das Gebären. Das war eine erleuchtende Erfahrung der Hingabe für mich. Ich hatte keine Angst. Ich! Ich, die doch immer und vor allem Angst hat! Ich habe immer gesagt: Ach, zur Not würde ich das Kind auch allein zu Hause auf die Welt bringen. Haben schon Millionen Frauen vor mir geschafft. Ich habe mich eingebettet gefühlt in die Menschheitsgeschichte. In eine Geschichte voller gebärender Frauen. In einem immer wiederkehrenden Kreislauf von Geburt und Tod. Ich habe, ja tatsächlich, ich habe vertraut! Die Geburt im Geburtshaus, ich habe Glück gehabt, es hat nur ein paar Stunden gedauert und alles lief so glatt wie es nur laufen kann. Nicht einmal verletzt war ich. Ich war ein Tier, ein Werkzeug des Universums, es ist mir mir geschehen. Ich konnte es geschehen lassen.

Der gleiche Prozess passiert in klein manchmal, wenn ich schreibe. All mein guten Texte sind so entstanden. Sie sind nur durch mich hindurch geflossen, durch mich als Kanal und dann auf das Papier.

 

Immer der Anfang

Und das ist eine Ressource.  Dort finde ich mein Vertrauen, in diesem Erlebnis. Und ganz passend spürte ich in der geführten Meditation zum Thema Vertrauen das Gefühl dazu in meinem Unterleib.

Und das ist das wertvollste, was ich aus diesem Seminar mit nach Hause genommen habe: Die Neugier auf diese Ressource die da in mir schlummert. Die Neugier darauf, was passieren wird, wenn ich lerne zu vertrauen. Denn Neugierde ist immer der Anfang vom Tun.

Das große Finale als Anfang?

Es ist so viel. Es ist immer so viel. Wann kann das endlich aufhören? Ich will doch nur ein friedliches Leben führen …

XY ist in der Psychatrie, endlich. Er ist weg, er lässt sich helfen. Das ist eine große Entlastung. Und doch fühle ich mich kaum erleichtert. Die Probleme bleiben.

Das Wochenende mit dem Kleinen Wunder war ein mütterlicher Kraft-Akt. Bettnässen, Wutanfälle, Anlehungsbedürftigkeit, Alpträume und unruhiger Schlaf. Weiterhin nicht-in-die Schule-Wollen und auch nicht in den Hort. Mir tut alles weh. Vor allem das Herz. Dazu sind wir beide richtig stark erkältet.

Meine Mutter hilft. Das Wunder ist jetzt bei ihr. Damit ich mich ein bisschen ausruhen kann. Und damit der alte Rhythmus einigermaßen bestehen bleiben kann. Und doch fühle ich mich so allein mit allem. Der zweite Elternteil fehlt. Immer fehlt er. Schon immer. Ich mache mir das Leben schwer, weil ich allen Entscheidungen diesbezüglich eine große Schwere gebe.

Ich möchte das Kleine Wunder beschützen, doch ich kann es nicht. Und ich kann nicht alles wieder gut machen, was ihr Vater vielleicht verbockt hat. Was ich verbockt habe. Ich kann es nicht. Und ich kann ihr auch nicht die Last abnehmen, dass sie eine chronisch kranke Mutter hat. Eine Mutter mit Multiple Sklerose. Eine mit starker Angst-Störung und Depression. Und einen Vater mit Depression. Einen Alkoholiker. Der vielleicht sogar eine Persönlichkeitsstörung hat. Und eine Oma mit Angstproblematik, traumatisiert. Und eine andere Oma, die erst vor drei Jahren einen Suizidversuch unternommen hat. Was sind das für Lasten?

Wie soll ihre Zukunft aussehen? Wie meine? Wie unsere gemeinsame? Nach ein paar Wochen Therapie wird ihr Papa kein neuer Mensch sein.

Alles kommt mir bleischwer vor.

Das Kleine Wunder wundert sich

vermutlich sehr darüber, was mit Papa los ist. Sie war von Sonntag Abend bis einschließlich Mittwoch früh bei ihm und hatte jeden Tag Bauchweh. Heute Morgen wollte sie nicht in die Schule, weil sie „zu müde“ war. Aber sie wollte so ganz und gar nicht. So wenig, dass ich mich an Kindergartenzeiten erinnert habe. Mit Schreien und Hauen und auf den Boden werfen. Auch draußen auf dem Bürgersteig.

Ihren Freund, der an der Ecke auf sie wartete, schickte ich dann alleine los. Irgendwann war ich selbst sehr wütend (Hilflosigkeit äußert sich dann oft so bei mir). Ich hatte weder gefrühstückt, noch geduscht, ich war auch nicht passend für die Witterung gekleidet, denn, dass ich mich so lange oder überhaupt draußen aufhalten würde, war nicht geplant. Und zog sie ärgerlich mit mir um die nächste Straßenecke Richtung Schule. Aber dann machte es auch schon „Plopp“ in mir, ich hielt an und nahm sie erstmal ganz fest in den Arm.

Sie weinte bitterlich. Nein, ich will nicht. Zu müde. Und die anderen Gründe erzähle ich Dir nicht. Wir schafften es dann aber bis zur Schule, bis vor das Klassenzimmer. Wo ich klopfte und die Lehrerin bat kurz raus zu kommen. Die reagierte – verständlicherweise – unwirsch. Es ist nicht erwünscht, dass Eltern mit in die Schule kommen und schon gar nicht ins Klassenzimmer. Es gibt einige Kinder, die häufig zu spät kommen und das stört natürlich sehr. Aber als die Lehrerin so unfreundlich reagierte, kamen auch mir die Tränen. Zu viel.

In der Nacht bin ich von einer scheußlichen Panikattacke aufgeschreckt, mit schlimmer Luftnot und dem Gefühl gar keinen Sauerstoff mehr einzuatmen, extremes Herzrasen – das hing mir noch nach.

Die Lehrerin kam dann aber doch vor die Tür und sprach mit uns und Das Kleine Wunder ging dann ins Klassenzimmer. Und die Lehrerin nahm mich in den Arm. Wir redeten noch kurz und nach der Schule hab ich Das Wunder direkt abgeholt und die ausnahmsweise nicht zum Hort gebracht.

Sie ist durcheinander, reagiert schnell ungehalten, schreit mich an. Jetzt ist eine Freundin hier, das tut ihr sichtlich gut.

Und ich? Habe jetzt festgelegt, dass der Papa sich um sich zu kümmern hat und Das Wunder erst wieder zu sich nehmen kann, wenn er sich besser fühlt. Sie wird ihn vermissen, aber sie braucht ein stabiles Zuhause. Papa ist krank und kann sich gerade nicht richtig um sie kümmern.

Die Lehrerin weiß Bescheid, die Leute im Hort wissen Bescheid.

Ich habe Rückenschmerzen, bin müde, sehr müde und aufgewühlt. Wie die nächsten Wochen aussehen werden, weiß ich nicht. Aber ich werde die Seele meines Wunders schützen und ich werde meine Seele schützen so gut ich nur kann. Morgen vereinbare ich einen Termin mit der Schulsozialarbeiterin. Ich hole mir so viel Unterstützung wie ich kann.

(Un)ehrlich

Stets habe ich mir für einen sehr ehrlichen und aufrichtigen Menschen gehalten. Darauf war ich stolz. Und habe von anderen ebenso kompromisslos Ehrlichkeit verlangt. Dieser Tage wird mir zum ersten Mal bewusst, dass dem nicht so ist. Immerhin bin ich an dieser Stelle wenigstens jetzt mal mir selbst gegenüber ehrlich.

Ich lüge, um andere zu schonen. Aber ist es nicht so, dass ich vor allem mich schone, weil ich das Leid beim Anderen – das wohlmöglich ich verursacht habe – nicht aushalten kann?

Sehr, sehr oft in meinem Leben habe ich schon gelogen, weil ich meine Angst, meine Agoraphobie verbergen wollte. Habe Ausreden erfunden, um Verabredungen abzusagen, weil die Angst mir den Weg dort hin versperrte. Oder hab schon im Vorfeld behauptet keine Zeit zu haben. Ok, damit schade ich niemandem außer mir selbst. Und manchmal schütze ich mich damit vielleicht auch wirklich. Man bindet ja nicht jedem Hinz und jeder Kunzine gleich etwas über die eigene seelische Gesundheit auf die Nase.

Aber das Lügen um andere vor schlechten Gefühlen zu schützen. Das ist respektlos.

Schon den ganzen Tag versuche ich eine Nachricht zu formulieren, in der ich M sage, dass ich zwar gestern mit ihm geschlafen habe – wohlwissend, dass er in mich verliebt ist (denke ich zumindest, ausgesprochen hat er es nicht), mir aber gar nichts weiteres mit ihm vorstellen kann. Wobei: Letzteres weiß ich eigentlich erst seitdem er gestern gegangen ist. Ich habe ihn sicher nicht verführt, das ging schon von ihm aus – und es tat sooooo gut. Mein Kopf hat noch Halt! Stopp! gerufen, aber mein Körper, meine Seele, die wollten das einfach. Berührt werden. Und erst jetzt weiß ich, was mir eigentlich seit fast drei Jahren fehlt. Auch wenn das bei Weitem nicht alles war. Denn ohne das für mich dazugehörige Gefühl von Liebe oder wenigstens Verliebtheit ist Sex für mich wie ein Strandurlaub ohne Meer. Es ist schön im Sand zu liegen und von der Sonne gewärmt zu werden, aber dann fährt man nach Hause und fühlt sich irgendwie betrogen und leer.

Ich wollte das vorher geklärt haben, aber mein Verstand der hat sich dann einfach ins Nirwana verabschiedet. Und nun fühle ich mich schlecht, statt gut. Nicht einmal das. Ich nehme nicht einmal Genuss mit. Und versuche den ganzen Tag einen guten Weg zu finden, zu mir selbst zu stehen und verdammt nochmal ehrlich zu sein.

Vor vielen Jahren hatte ich mal eine Beziehung, die währte 1,5 Jahre. Die hatte genau so begonnen. Ich dachte, ich wäre verliebt, ein bisschen. Aber schon in der ersten Nacht stimmte etwas ganz und gar nicht. Aus Rücksicht – oder was zur Hölle steckt da noch für ein Monster hinter? – blieb ich mit ihm zusammen. Ich denke stets mit Grausen an diese Zeit. Es wäre so unmoralisch, so grausam gewesen, so völlig verdreht und ekelhaft, erst von Verliebtheit zu reden und dann nach der ersten Nacht alles wieder zu beenden. Aber deshalb 1,5 Jahre die doch viel verdrehter und grausamer – auch mir selbst gegenüber – waren, in denen ich mich wieder und wieder bemühte das richtige zu fühlen?

Bin ich das? Bin das ich? Das wird ihm weh tun. Und ich sehe mich in sehr schlechtem Licht stehen. Ich weiß, dass ich es ihm so schnell wie möglich sagen muss und lasse doch die Zeit verstreichen und verstecke mich mit meiner Wärmflasche in diesem Blog.

 

Nachtrag: Vielleicht erwarte ich auch zu viel von mir. Heute Morgen hatte ich einen mega anstrengenden Beratungstermin mit XY, der psychisch – wegen mir – total am Ende ist. Schon den Weg dahin war ich ein pures Panikbündel, denn die Innenstadt ist einer meiner großen Angst-Orte.

Endlich Licht

Seit Wochen sitze ich immer wieder vor dem leeren WordPress-Fenster, schreibe ein paar Worte und klappe dann den Monitor wieder zu. Es ist zu viel gewesen.

Seit der Beratung ist XY ziemlich durchgedreht und ich hab mich mit wirbeln lassen. Es gab die ganze Palette. Betteln, beschimpfen, unbegründete Eifersucht, jammern, Mitleid erregen, das Äußern von Suizid-Gedanken, Drohung des Rückfalls in die Alkoholabhängigkeit, Unzuverlässigkeit bzgl. der Termine mit dem Kleinen Wunder und zuletzt auch noch nicht kindgerechte Erklärungen ihr gegenüber.

Ich bin bedient. Mitgefühl bis Mitleid, Sorge, Angst, Hilflosigkeit, Schuldgefühle, Zweifel (ja, auch die haben sich leider wieder mal gemeldet), Zorn, Traurigkeit – all das hat mich bewegt.

Mehrfach musste das Kleine Wunder spontan dann zu mir, an anderen Tagen rief er an, ich solle sie holen, dann doch nicht, dann doch, dann doch wieder nicht.

XY war verzweifelt. Äußerte Suzid-Gedanken. Er tat mir leid. Ich habe viel Energie aufgewendet, um ihm zu helfen. Telefonnummern für Hilfe recherchiert, mit ihm geredet, mich immer wieder auf Gespräche eingelassen. Letzte Woche wollte er sich einweisen lassen. Ich habe alles umorganisiert, weil er Das Kleine Wunder eigentlich hätte nehmen müssen an dem Tag. Hab sogar einen (Neu-)Kunden sitzen lassen, von dem ich in dem ganzen Chaos vergessen hatte mir die Kontaktdaten zu notieren.

Dann hat er sich umentschieden und zudem auch noch entschieden, dass Das Wunder doch zu ihm kann. Während meine Mutter schon mit ihr auf dem Weg war um sie vom Hort zu mir zu bringen. Vor dem Kleinen Wunder dann mit meiner Mutter gestritten, weil er nun doch …

An dem Abend war mir klar: Das war das letzte Mal, dass ich drauf eingestiegen bin. Ab jetzt muss er sich selbst helfen. Oder jedenfalls: Ich stehe dafür nicht mehr zur Verfügung.

In der Woche drauf folgte dann noch ein Drama, an dem aber das Wunder im Mittelpunkt stand.
„Papa soll bei uns übernachten! Papa hat nichts dagegen. Und Du, Mama?“
Mama hatte was dagegen …
da fing das Kleine Wunder an zu weinen: „Ich möchte, dass wir alle wieder zusammen ziehen. Papa möchte das auch. Nur Du willst das nicht. Weil Du Papa nicht mehr traust. Obwohl er doch gar nicht mehr so ist wie er war und sich verändert hat. Du traust ihm nicht mehr.“
Sie war sehr zornig. Verständlich.

Ratet, wer noch zornig war. Ich. XY stritt ab, dass er ihr das gesagt hat. Doch so etwas überlegt sich eine 6jährige nicht selbst. Zumal es genau sein Wortlaut war.

Das Kleine Wunder war so wütend auf mich, so traurig, dass es die Hosen runterzog und in mein Wohnzimmer pinkelte.

Wir leben seit 3 Jahren getrennt. Aber erst jetzt wird mir wirklich klar, was ich die ganze Zeit mit mir habe veranstalten lassen, wie wenig ich mir selbst wert war. Nicht der Alkohol war das Problem. XYs Sucht war nur ein Symptom. Ich öffne die Augen.

Ich habe Angst vor der Zukunft und was da noch kommen mag. Ich habe Angst, wie XY reagiert, wenn er mich mal mit einem anderen Mann sehen wird. Ich habe Angst davor, was er dem Kleinen Wunder zukünftig erzählen wird und vor weiteren schlimmen Konflikten rund um Das Kleine Wunder und was das mit ihr machen wird.

Aber doch ist da zum ersten Mal seit Jahren das Gefühl, das ab jetzt alles besser werden kann. Für mich. Und auch für Das Kleine Wunder.

 

Diese Tage, schwarzbunt

  • Heute ist der 5. Johanniskrauttag. Ich hoffe auf eine Wirkung nach zwei Wochen und zähle die Tage … noch 9 Tage.
  • Am Montag waren wir endlich in der Beratung, mein Ex und ich. Ich konnte dort im geschützten Rahmen nochmal ganz deutlich sagen, dass ich mich schon länger als Single sehe. Für ihn war das sichtbar schlimm. Er hatte es wirklich nicht wahr haben wollen. Mich hat das auch aufgewühlt, ich bin voller Mitgefühl und kam mir irgendwie schlecht vor. Ich hatte ja Angst, dass er ausrastet, das ist aber nicht geschehen. Er war gleich in der Trauer, statt wie ind er Vergangenheit so oft den Umweg über Wut zu nehmen. Danach hatten wir sogar noch ein längeres gutes Gespräch, das auch mur gut getan hat.
  • Mit T. komme ich gut klar, es wirft mich weniger aus der Bahn als gedacht. Und glaube mittlerweile wirklich, dass wir zusammen in einer Freundschaft besser aufgehoben sind, als in einer Beziehung. Sehnsucht bleibt, aber das ist vielleicht auch eine ganz alte Sehnsucht, die weniger mit T direkt zu tun hat.
  • M (das Date von neulich) ist im Urlaub. Ich habe ihn 3x getroffen und es war jedes Mal toll. Lustig, tiefsinnig, angenehm. Und er scheint von mir angetan. Seitdem er im Urlaub ist, schreiben wir uns täglich und ich bin gespannt auf seine Rückkehr.
  • Ich gehe fast jeden Morgen kurz Laufen, Intervalltraining. Heute bin ich bei 4 x 2 Minuten Gehen, 5 Minuten Laufen im Wechsel angekommen. Es fühlt sich gut an (hinterher). Was mich deutlich motiviert, ist der Wille kein chemisches Antidepressivum nehmen zu müssen.
  • Ich versuche mehr Erinnerungen an meine Kindheit zu aktivieren. Es ist seltsam, dass ich nur so kurze Erinnerungsfetzen habe und das meiste im Dunkeln liegt. Ich frage mich, ob was passiert ist.
  • Bitte, liebes Universum, lass das Johanniskraut bald wirken, ich möchte mich so gern wieder besser fühlen.

Um meine Augen zieht die Nacht sich, wie ein Ring zusammen

Dieses Gedicht von Else Lasker-Schüler hat mir schon in der 11. Klasse so sehr aus der Seele gesprochen und zur Zeit kommt es mir wieder sehr oft in den Sinn. Es wäre so schön, leichten Fußes durch das Leben zu gehen, aber das scheint nicht mein Programm zu sein. Seit gestern nehme ich Johanniskraut, zum Venlafaxin konnte ich mich wirklich nicht durchringen.


Gott hör …

Um meine Augen zieht die Nacht sich
Wie ein Ring zusammen.
Mein Puls verwandelte das Blut in Flammen
Und doch war alles grau und kalt um mich.

O Gott und bei lebendigem Tage,
Träum ich vom Tod.
Im Wasser trink ich ihn und würge ihn im Brot.
Für meine Traurigkeit gibt es kein Maß auf deiner Waage.

Gott hör … In deiner blauen Lieblingsfarbe
Sang ich das Lied von deines Himmels Dach –
Und weckte doch in deinem ewigen Hauche nicht den Tag.
Mein Herz schämt sich vor dir fast seiner tauben Narbe.

Wo ende ich? – 0 Gott!! Denn in die Sterne,
Auch in den Mond sah ich, in alle deiner Früchte Tal.
Der rote Wein wird schon in seiner Beere schal …
Und überall – die Bitternis – in jedem Kerne.

Tag ohne Farben

Traurig, sehr traurig ins Bett gegangen, unruhig geschlafen, deprimiert aufgewacht. Froh, heute meine monatliche Therapiestunde zu haben und dann war es so zäh. Die Therapeutin meinte irgendwann, sie hätte jetzt Watte im Kopf. Hatte ich schon vorher. Und hinterher. Und jetzt.

Und neben mir liegt eine Packung Antidepressiva, die mir der Schmerztherapeut, neben Ergotherapie, am Montag verschrieben hat. Heute erst hab ich das Rezept eingelöst. Unentschlossen. Ich hatte darauf gehofft, dass er mir was verschreibt. Und nun überwiegt die Angst vor Nebenwirkungen. Was, wenn alles nur noch schlimmer wird? Panikattacken und Unruhe als Nebenwirkung. Dankeschön. Absetzsyndrom. Toll. Schaffe ich es nicht doch besser ohne Medikamente? Wird mein Körper es mir nicht viel eher danken, wenn ich es ohne hinkriege? Das Gefühl von Depersonalisation, das ebenfalls als Nebenwirkung auftreten kann, kenne ich doch nur zu gut, es ist einer meiner schlimmsten Angsttrigger. Blutungsneigung, Übelkeit, Erbrechen (Ey, ich habe eine Emetophobie! Also Angst vor dem Erbrechen). Schlimmer gehts auch noch. Aber das ist dann nur selten der Fall.

Aber es soll langfristig gegen die Schmerzen helfen, gegen dieses lähmende Gefühl der Depression, gegen Angstgefühle. Das wäre ja ein Traum! Lande ich damit im Paradies der Leichtigkeit? Unwahrscheinlich. Aber ein bisschen mehr Licht wäre schon gut.

Ich fühle mich gerade jetzt überhaupt gar nicht in der Lage eine Entscheidung zu treffen. Es ist schon schwer genug, zu entscheiden, was ich Morgens anziehe, damit ich mich einigermaßen wohl fühle.

Ich vermisse T. Würde ihn gerne anrufen und mit ihm darüber sprechen. Aber da er sich nicht meldet, lasse ich es auch. Ich kenne das Gefühl, wenn jemand Gefühle für mich hat, die ich nicht habe. Das kann auch leicht mal nerven,

Die Angst an die Hand genommen

Seit einiger Zeit meditiere ich täglich mit Hilfe einer wunderbaren App: https://7mind.de/ – ich weiß nicht, ob es wirklich Meditation ist, was ich da mache. Denn meist bin ich so erschöpft, dass ich dabei liege und oft auch einschlafe. Dennoch merke ich nach 38 Tagen, dass die Übungen eine Wirkung entfalten.

Momentan arbeite ich mit 7Mind in einer Übungsreihe zum Thema Angst. Und damit ist es mir tatsächlich gelungen meiner Angst ein Gesicht zu geben. Diesen Rat habe ich ja schon öfter gehört – mit der Angst reden, eine Form für sie finden. Aber es blieb immer ein diffuses Bild. Nun sehe ich, dass ich es mit einem kleinen, mal Schwarz, mal Weiß gekleidetem Mädchen zu tun habe. Es klammert sich ganz oft an meine Beine, will mich aufhalten, zögert, weint und braucht sehr viel Liebe. Im Grunde will es mich vor Einsamkeit bewahren.

Am letzten Freitag haben wir es zusammen zur Friseurin geschafft. Ich wollte unbedingt meinen Pony nachschneiden lassen und hab vorher mit dem Angst-Mädchen gesprochen, dass ich es mitnehmen werde. Das ich nicht, wie sonst, um jeden Preis versuchen will sie loszuwerden und allein draußen stehen zu lassen. Ich habe ihr versprochen, dass sie auf meinem Schoß sitzen und dabei bleiben darf. Und das wir das trotzdem zusammen machen und nicht weglaufen werden.

Und tatsächlich hat mir dieses Bild geholfen und ich konnte mit frisch geschnittenem Pony zum Mittagstreff mit T. gehen. Wir haben gezittert und Luft geholt und in den Spiegel gesehen und fast geweint vor Angst. Aber wir sind geblieben bis die Angst fort war.

Am Abend habe ich mich kurz über meine Erschöpfung gewundert – aber, Leute! Ich! War! Beim! Friseur! Und danach dann dieses spontane Treffen mit T. – wieso wundere ich mich über Erschöpfung????

 

P.S.: Gestern war ich zusammen mit dem Angst-Mädchen beim „ich kann nicht singen-Chor“ – auch hier wollte das Angst-Mädchen mich aufhalten und ist dann einfach mit gekommen.