Die Liebe in Zeiten des Wettbewerbs

Das Kleine Wunder sprach über einen Schulwettbewerb, wie sehr sie will, dass ihre Klasse gewinnt. Das sie sich beim Basteln alle richtig anstrengen müssen, das es einen tollen Preis gibt. Unbedingt gewinnen müssten sie.

Und dann:

»Was red ich eigentlich? Ist doch gar nicht wichtig so ein Wettbewerb! Wichtig ist nur die Liebe.« und dann kam sie zu mir und gab mir einen Kuss. »Wichtig ist nur, dass wir uns lieb haben.«

Whoooosh! ❤

Wie ein Kleines Wunder mich an meine Grenzen bringt

… schnell und einfach schafft sie das. Ein eigenes Kind mag der beste Therapeut / die beste Therapeutin sein – zumindest gibt es ganz viel Konfrontation mit dem eigenen Schatten seitdem ich mit dem Kleinen Wunder lebe.

Gestern trafen wir ihre Lehrerin auf dem Spielplatz und plötzlich klagte das Wunder über Bauchweh und wollte heim – und sie ist kein typisches Bauchweh-Kind. Ich ahnte gleich, dass da irgendwas im Argen liegt. Und wunderte mich ein bisschen, weil das Kleine Wunder bisher so verliebt gewesen ist in die Lehrerin.

Als wir dann abends im Bett lagen sagte sie, dass sie am nächsten Morgen auf keinen Fall zur Schule gehen wird. Huch! Bisher hatte sie sich doch immer gefreut. Sehr vehement war sie. Aber warum sie nicht gehen wollte, das konnte sie mir nicht sagen. Fragen machten sie wütend und verschlossener. Und sie hustete und nieste künstlich ohne auch nur im geringsten krank zu sein.

Heute früh ging es dann nahtlos mit Totalverweigerung weiter. Sie kam nicht aus dem Bett, versteckte sich unter der Bettdecke, wütend und grimmig und verzweifelt auch. Und ich? In mir stiegen Ungeduld und Wut hoch. Der Uhrzeiger tickte unaufhörlich und ich fühlte mich hilflos, weil sie mich mal wieder so gar nicht an sich ranließ.

Erinnerungen kamen hoch, an meine eigene Schulangst, an meine Unfähigkeit diese Angst auch nur ansatzweise auszudrücken. Daran, dass ich einfach brav war und keinen Mucks gesagt habe und voller Angst immer wieder hingegangen bin. Daran, dass meine Eltern davon rein gar nichts bemerkt haben. Wie allein ich mich gefühlt habe. Tränen schossen in mir hoch. Und ich fühlte mich wie eine Versagerin. Als Mutter, als Sorgeberechtige, und wahnsinnig hilflos und ängstlich.

Dann aber konnte ich mit dem Mitgefühl, dass dieser Prozess in mir ausgelöst hat, meine Ungeduld und Wut überwinden und ich machte ihr ein Hörspiel an und brachte ihr das Frühstück ans Bett. Und habe ihr erzählt, dass meine Lehrerin mich in der Grundschule mal ausgeschimpft hat, weil ich zu laut geniest habe und ich das so ungerecht fand, dass ich auch nie wieder in die Schule wollte.

Und als ich das nächste Mal ins Zimmer kam und mich auf ihr Bett setzte, da brach sie in Tränen aus und erzählte von einer Aufgabe, die sie gestern nicht lösen konnte und die sie heute weiter bearbeiten muss und dass sie das nicht hinkriegt und nicht will und das ihr Freund M ihr auch nicht helfen kann, weil der nämlich nicht mehr ihr Freund sein will, seit drei Tagen schon. Und da hab ich sie fest in den Arm genommen und gespürt, wie sie sich entspannte. Da musste ich nicht mehr viel sagen, denn das Reden, das hat ihr schon geholfen. Danach hat sie sich angezogen und wir sind zur Schule gegangen. Und ich habe mich für Ihr Vertrauen bedankt und gesagt, dass ich immer für sie da sein werde. Und das sie Fehler machen darf und nicht alles können muss und dass es mir nicht wichtig ist, dass sie alles richtig macht in der Schule.

Danach saß ich hier auf meinem Sofa und musste erstmal durchatmen. Niemals hätte ich gedacht, dass es so ist, wenn man ein Kind hat. So intensiv. So aufwühlend. Und ich war ein kleines bisscehn stolz auf mich und froh, dass die Situation noch so eine gute Wendung genommen hat – auch wenn ich nicht genau weiß, wo der Knackpunkt lag.

Ich hoffe, sie hatte einen guten Tag heute.

Hast Du jetzt genug geheult?

Eine schwangere Frau mit einem 2–3 jährigem Kind. Ich höre das Kind schon von weitem laut und kraftvoll weinen. Sie überqueren den Zebrastreifen dem ich mich nähere und ich höre wie die Frau in genervtem und scharfem Tonfall zu dem Kind sagen: „Hast Du jetzt genug geheult?“ Es fährt mir wie ein Stich ins Herz. Das Kind weint noch lauter. Bockt, bleibt stehen. Sie packt es grob am Arm und zieht es weiter und dann schlägt sie ihm von hinten auf den Hinterkopf.

XY ruft laut: „Hey, man schlägt Kinder nicht!“.
Sie zieht das Kind aufgebracht weiter, hat ihn scheinbar nicht gehört. Ich folge den beiden ein Stück bleibe stehen und beobachte sie, als eine weitere Frau vorbei radelt, meine Empörung wahrnimmt und ruft: „Mütter sind halt manchmal überfordert. So ein Kind kann einen an seine Grenzen bringen!“
Ich: „Ja, das kann ich verstehen. Ich habe selbst eines. Aber sie hat das Kind gerade geschlagen.“
„Jaja, sowas passiert dann.“ und radelt weiter.

Fassungslos drehe ich mich wieder um. Die Frau mit dem Kind ist weg.

Das geht mir nah. Es lässt mich nicht los. Das weinende Kind. Die überforderte Mutter. Was hätte ich tun können? Einerseits weiß ich, dass es die Situation für das Kind verschlimmern kann, wenn man ein Elternteil bloßstellt. Wenn jemand sein Kind so in der Öffentlichkeit behandelt, was passiert dann hinter verschlossenen Türen?

Andererseits finde ich es wichtig, dass Kinder in solchen Situationen mit bekommen, dass es Erwachsene gibt, die dieses gewalttätige Verhalten des Elternteils (?) keineswegs gutheißen. Wahrscheinlich war die Frau wirklich massiv überfordert. Auch sie tut mir leid. Was kann ich beim nächsten Mal in so einer Situation tun? Ihr hinterherlaufen und freundlich ansprechen (was mir sicher schwer fällt)? Ihr eine Visitenkarte oder Flyer von pro familia in die Hand drücken? Hätte ich mich anders, hilfreicher verhalten können? Kann ich ein Kind in so einer Lage irgendwie schützen?

Es macht mich sehr traurig zu wissen, dass dieses Kind kein Einzelfall ist.

 

Wie alles begann – Agoraphobie und andere Ängste, Teil 3

Meine erste bewusst als solche erlebte Panikattacke im Alter von 13 Jahren und wie es danach weiter ging habe ich in Teil 1 und 2 beschrieben. Die Angst begleitet mich von Kindesbeinen an, erst diffus, als übergroße Schüchternheit im Vorschulalter, nächtliche Ängste, Trennungs- und Schulangst, Emetophobie (Angst vor dem Erbrechen) im Grundschulalter und schließlich Panik und Agoraphobie ab der Pubertät.

Als ich in die Oberstufe kam, wurden die Karten neu gemischt. Meine ehemals beste Freundin verließ die Schule und ich verlor den Kontakt zu ihr. Es gab keine Klassen mehr, sondern nur noch eine ganze Jahrgangsstufe und dadurch, dass ich nicht auf der Jahrgangsstufenfahrt dabei war (siehe Teil 2) hatte ich keinen richtigen Anschluss an alle neu gebildeten Gruppen. Das einzige Mädchen, dem ich mich noch verbunden fühlte verbrachte ein Halbjahr im Internat in England.

Ich verschloss mich. Ich wurde zum Automaten. Ich ging zur Schule, jeden Tag. Es gab viele Tage, an denen ich mit niemandem sprach. Kein Wort. Ehemals eine gute bis sehr gute, aufgeweckte und interessierte Schülerin flossen die Schulstunden qualvoll wabernd an mir vorbei. Nebel. Es wurde Herbst, dann Winter.

„Wie war’s?“ fragte meine Mutter jeden Tag, die immer gleiche Antwort quälte sich unter meiner bleischweren Zunge hervor: „Super, wie immer.“ Ich war müde. In den Pausen versteckte ich mich manchmal in leeren Klassenräumen oder in Bereichen auf dem Pausenhof, wo sich kaum ein Oberstufenschüler rumtrieb. Ich wollte nicht sprechen. Mein Rücken tat weh. Dunkelheit umzog mich in einem immer enger werdendem Mantel.

Irgendwann am Jahresanfang kehrte meine Freundin C verfrüht aus England zurück. Ebenfalls depressiv und ausgeschlossen. Bei unserem ersten Telefonat wollte sie wissen, was alles passiert war, was die anderen so machen, wie es in der Schule läuft. Das war der Moment, in dem ich zum ersten Mal ehrlich über meine Gefühle sprach. „Ich weiß nicht, C. Ich rede mit niemandem. Ich fühle mich schrecklich und ich hasse sie alle.“ C lachte und lachte und lachte und schließlich musste ich auch lachen.

Nach ihren ersten Tagen zurück in der Schule sagte sie: „Plejade, ich weiß jetzt, was Du meintest. Es ist furchtbar hier. Die anderen nerven nur, sind lächerlich, dumm oder “

Im März kaufte ich mir das neue Album von den Charlatans.

http://videos.sapo.pt/agVNNvBAF839UoqHdjVh

Gefühlt hat mir dieses Album das Leben gerettet. Die gelben Bananen auf dem Cover. Das Gefühl cool zu sein. Ich war die erste, die das Album hatte, importiert aus England. Außer mir gab es nur ein weiteres Mädchen (L in die ich nahezu verliebt war <3), das so coole Musik hörte. Und C. dann auch noch. Ich fühle mich besser. Ich war anders als die anderen, aber da draußen gab es Leute, die auch anders waren. Die den ganzen oberflächlichen Jugendlichen-Mist nicht mochten. Die Ernsthaftigkeit bevorzugten. Nachdenkliche Menschen. 120 Minutes auf MTV war meine Rettung und mein Lebenselixier! Mit dem Bananen-Cover von „Between 10th ans 11th“ ging die Sonne für mich auf. Ich erwachte mit dem Frühling zu neuem Leben.

Und dann kam die Angst mit voller Wucht zurück.

Teil 1

Teil 2

Die Faust unterm Tisch

Familientreffen im Restaurant. Eigentlich eine schöne Angelegenheit. Das Kleine Wunder ist happy: Mama, Papa, die geliebte Omi und die liebe Oma – alle an einem Tisch.

Und ich balle unter diesem Tisch die Faust. Meine Mutter sitzt neben mir. Wie immer. Ich erfinde schon Tricks um das zu vermeiden. Sie redet unablässig von links in mein Ohr, während ich versuche mich auf die andere Oma zu konzentrieren, die wir nur alle 4–8 Wochen mal sehen. „Sie (gemeint ist das Kleine Wunder) hat drei Kartoffeln gegessen, aber nichts von dem Fisch gestern Abend. Und heute Mittag hatte sie ein Brötchen mit Butter und die Salami hat sie pur gegess… blablablababla …“

Und sie vermischt die Rollen. Immer und immer wieder hab ich mit ihr darüber gesprochen. „Mama?“ fragt das Wunder und meine Mutter ruft wie aus der Pistole geschossen: „Ja?“

Ich umschließe die Gabel fest in meiner Faust. In meinen Adern rauscht das Blut, das Adrenalin dreht seine Kreise.

Sie weiß alles. Macht alles perfekt. Besser. Wenn das Wunder im Restaurant allein auf Entdeckungstour geht, was ich völlig ok finde und ihr Papa auch – kommt spätestens nach ein paar Minuten die Frage:„Wo ist sie? Ist sie etwa raus gelaufen? Es ist doch so kalt. Habt ihr sie gesehen?“ Ich vertraue meinem Wunder, ich traue ihr was zu. Und ich weiß noch genau, wie sich das für mich angefühlt hat, diese ewige Angst meiner Mutter, dieses ewige Kleinmachen. Ich weiß es, weil sie es heute noch tut.

Als wir ihr erzählt haben, dass ich schwanger bin, war ihre erste Reaktion ein entsetztes Gesicht und: „Was? Du bist doch selbst noch ein Kind.“ Ich war 35. Und ich hatte noch keine MS-Diagnose. Ich weiß überhaupt nicht wohin mit meiner Wut!

Die Frau namens Mutter

Die wenigstens erwachsenen Menschen möchten dauernd ihrer Mutter begegnen, oder? Ich hab aber tue es. Die Realität sieht so aus: Ich kann sie schon seit meiner Jugend nicht mehr „Mama“ nennen, das Wort bliebe mir im Halse stecken. Sogar „meine Mutter“ verursacht ungute Gefühle, seit ich ein Kind habe nenne ich sie eigentlich nur noch „die Oma“.

Meine Mutter (ich nenne sie im Folgenden jetzt mal so, damit keine Verwirrung aufkommt) ist überallgegenwärtig. Würde mich jemand fragen, ob ich sie liebe, ich würde schweigen. Wahrscheinlich ist es so, Kinder lieben ja ihre Eltern ziemlich bedingungslos. Ich empfinde das aber nicht. Oftmals empfinde ich dagegen Hass, Aversion und Mitleid. Und ich fühle mich deswegen schlecht. Schlecht, schlecht. Es ist verwerflich seine Mutter zu hassen.

Sie hat mich als Kind vereinnahmt. Es war erdrückend. Als ich mit Mitte 20 meine erste Therapie begonnen habe, war ich noch der Meinung, dass ich nette Eltern habe und meine Kindheit gut war. Obwohl ich mich ja kaum erinnern kann. Aber meine Eltern haben nie was böses gemacht. Einfach harmlos. Heute würde ich das so nicht mehr sagen. Ich würde sagen: Meine Kindheit war bedrückend, voller Angst und Scham.

Wenn ich heute höre, wie sie mit meiner Tochter spricht und umgeht, wird mir vieles klar, obwohl ich weiß, dass sich da schon einiges zum Positiven geändert hat. Und meine Tochter hat nicht nur die Omi. Sie hat mich – vor allem – und ihren Papa, sie hat ihren Kindergarten, die Eltern ihrer Freunde, hatte ihre Krippe, sie trifft durch meine Freundschaften auch andere Erwachsene. Ich war mit meinem Bruder allein mit meiner Mutter, meine Eltern lebten zu der Zeit zwar noch zusammen, aber mein Vater war seltsam abwesend. Ich war weder in einer Krabbelgruppe, noch im Kindergarten. Angeblich, weil ich zu schüchtern war und nicht wollte. Logisch: Ich hatte so gut wie keinen Kontakt zu anderen Kindern, auch mein älterer Bruder war nicht im Kindergarten, – ich konnte mir nullkommanichts darunter vorstellen. Tja, und weil ich keinen Wunsch nach Kindergarten äußerte, blieb ich halt zu Hause. Und meine Mutter war froh darüber. Sie wollte uns nämlich gar nicht abgeben. Und Freunde hatten meine Eltern auch nicht.

Mein Bruder war wild und laut und frech. Ich war das schüchterne Kind. Die Kleine. Das Mädchen, die Zarte. Sensibel und gehemmt. Labil. Ängstlich. So war meine Rolle. Dabei saß in mir immer eine Abenteurerin, eine, die wilde Sachen erleben wollte und allein losziehen wollte. Aber meine Mutter hatte Angst um mich. Und sie wollte mich ganz für sich.

Mein Weg meiner Mutter Loyalität zu erweisen und meine Liebe auszudrücken, war der, mein Selbst aufzugeben. Fortan war ich ängstlich und brav. Die Rebellin ließ ich nur von der Leine, wenn es darum ging Ungerechtigkeiten anzuprangern und für Schwächere zu kämpfen.

Ich hatte es ganz gut geschafft, mich außer Reichweite zu begeben. Bin in eine Großstadt gezogen um zu studieren – dort packte mich die Angst so sehr am Kragen, dass ich mit dem Studium aussetzen und wieder zu Hause einziehen musste, aber ich kämpfte mich wieder nach vorn, beendete mein Studium. Und dann zog meine Mutter hinter mir her – in die gleiche Stadt in der ich nun Fuß gefasst hatte. Ich schaffte es wieder mich trotzdem fern zu halten. Mein Bruder lebte auch in dieser Stadt und sah und sprach sie häufiger als ich. Dann ist er ausgewandert und ihr Auge lag wieder auf mir. es gab Rückschritte, Fortschritte, Rückschritte aber im Großen und Ganzen ging es immer voran.

Aber dann wurde ich selbst Mutter und der dazugehörige Papa Alkoholiker (war er vorher schon, aber das Problem wurde massiver). Ich wurde krank. Und ab da war ich plötzlich auf sie angewiesen. Und bin es noch. Meine Kräfte reichen nicht aus, um dieses Alleinerziehenden-Ding wirklich alleine durch zu ziehen. Und jetzt ist diese Frau wieder allgegenwärtig in meinem Leben. Beobachtet mich. Trägt die gleiche Kleidung wie ich – so wie als ich 16 war und nur noch Schwarz und Lila trug – sie tat das auch. Als ich 14 war trug ich Hippiebunt und jede Menge Schmuck – sie ebenfalls. Und heute verwechseln uns die Leute auf der Straße von Weitem.

Ich. Will. Abstand. Aber ich weiß nicht wie das gehen soll,