Um meine Augen zieht die Nacht sich, wie ein Ring zusammen

Dieses Gedicht von Else Lasker-Schüler hat mir schon in der 11. Klasse so sehr aus der Seele gesprochen und zur Zeit kommt es mir wieder sehr oft in den Sinn. Es wäre so schön, leichten Fußes durch das Leben zu gehen, aber das scheint nicht mein Programm zu sein. Seit gestern nehme ich Johanniskraut, zum Venlafaxin konnte ich mich wirklich nicht durchringen.


Gott hör …

Um meine Augen zieht die Nacht sich
Wie ein Ring zusammen.
Mein Puls verwandelte das Blut in Flammen
Und doch war alles grau und kalt um mich.

O Gott und bei lebendigem Tage,
Träum ich vom Tod.
Im Wasser trink ich ihn und würge ihn im Brot.
Für meine Traurigkeit gibt es kein Maß auf deiner Waage.

Gott hör … In deiner blauen Lieblingsfarbe
Sang ich das Lied von deines Himmels Dach –
Und weckte doch in deinem ewigen Hauche nicht den Tag.
Mein Herz schämt sich vor dir fast seiner tauben Narbe.

Wo ende ich? – 0 Gott!! Denn in die Sterne,
Auch in den Mond sah ich, in alle deiner Früchte Tal.
Der rote Wein wird schon in seiner Beere schal …
Und überall – die Bitternis – in jedem Kerne.

Nimm mich mit, nimm mich mit flatterhafte Demut, schlag deine krummen Flügel um mich.

Seit einer Woche höre ich wieder diese CD, immer wieder. Es ist ein wunderbares Album, melancholisch, lebendig, traurig und bejahend.

Gisbert kenne ich seit zehn Jahren, ich würd gern mal wieder mit ihm sprechen. Aber er ist jetzt so berühmt, dass es mich nur verunsichert und ihn vielleicht auch.

 

Diese Tage sind so fern von allem, Hitze & Beton.
Die große Stadt,
sie liegt da wie ein verwundeter Vogel
so auch ich, so auch ich
Ich denke und denke
wie immer viel zu viel.
Immer ist da irgendetwas,
das mich einlullt und mich lähmt.
Und ist es nicht die Hitze,
und dann meine Dickköpfigkeit
oder meine dünne Haut.
Und ich warte auf den Abend
und seine kühlende Hand
unten am Fluss mit den Füßen im Sand.

Und den Blick
auf die gewaltigen Tiere
mit metallenen Krallen
mit Neonlicht-Augen
und die Container, die fallen
unter grandiosem Gepolter
in den hungrigen Bauch
eines uralten Frachters
und mein Herz, es poltert auch.
Nimm mich mit, nimm mich mit
flatterhafte Demut,
schlag deine krummen Flügel um mich.
Dieser Kopf oh dieser Kopf
macht sich viel zu wichtig.
Unergründliches Leben,
was wissen wir denn schon von dir?
Wir wurden geboren und wir sterben
und danach weht der Wind wie immer.
Und ein Mensch geht die Stufen
hinunter zum Fluss
legt seinen Kopf in die Nacht
und die Füße in den Sand.

Und sieht die gewaltigen Tiere
mit metallenen Krallen
mit Neonlicht-Augen
und die Container,
die fallen
unter grandiosem Gepolter
in den hungrigen Bauch
eines uralten Frachters
und sein Herz, es poltert auch.
Oh, ich hoffe es verirrt sich nicht
so verwirrt wie es ist
auf dieser endlosen Suche
nach ein bisschen mehr Licht.

Was auch immer das dann ist …

Dancin’ on do the boogie all night long

Coldest winter for me
No sun is shining anymore
The only thing I feel is pain
Caused by absence of you
Suspense is controlling my mind
I cannot find the way out of here
I want you by my side
So that I never feel alone again
And I want you
We can bring it on the floor
You’ve never danced like this before
We don’t talk about it
Dancin’ on do the boogie all night long
Stoned in paradise, shouldn’t talk about it

Ein Kreis schließt sich

Wie ich gestern Nacht schon geschrieben habe, war ich gestern in Bremen auf einem Konzert. Als der Krankheitsschub Anfang Februar losging, zählte tatsächlich „Oh nein, das Konzert!“ zu meinen ersten Gedanken. Die Karten hatte ich schon länger auf dem Schreibtisch liegen und die Vorfreude war groß.

Als ich 2013 zu Depeche Mode wollte, hatte ich einen Magen-Darm-Virus. Bei Musée Mécanique war das Kleine Wunder krank. Die We Are Scientists Karte, die ich XY zum Geburtstag geschenkt hatte, verfiel, weil er er an dem Tag plötzlich krank war und ich sie vor Ort auch nicht mehr losgeworden bin. Meinem Vater hatte ich zu Weihnachten Karten für Shadowland II geschenkt – an dem Termin im Januar hatte er die Grippe (verpasst hat er aber nichts weltbewegendes. Ich fand die Show sehr enttäuschend, vor allem bei den Ticketpreisen!). Ich habe zum Glück viele solcher Dinge schon vergessen. Es gab in den letzten Jahren sehr viele Vorhaben, die ich kurzfristig absagen musste, weil ich krank war.

Nun hab ich mich zum Glück wieder fit genug gefühlt für unser Vorhaben nach Bremen zu fahren. Da XY ein Auto hat, ging das auch sehr komfortabel. Eine Fahrt mit Zug und Straßenbahnen und mehrmaligem umsteigen wäre zu anstrengend für mich gewesen. Und XY ist für mich die Begleitung, die mir das größtmögliche Sicherheitsgefühl gibt.

Erstaulicherweise hatte ich unter diesen Bedingungen keinerlei Angst im Vorfeld. Bremen ist so schnuckelig, Freunde von mir und Verwandtschaft von XY wohnen dort – ich kann mich dort relativ wohl fühlen, obwohl Reisen in fremde Städte für mich oft kleine Höllentrips sind. Ich habe in der Nacht zuvor supergut geschlafen, hab nicht über Waswärewenns gegrübelt und war nur insofern aufgeregt, als das ich Vorfreude verspürte.

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Sogar als wir im Stau standen: Keine Angst. Keine Beklemmungen.

Wir waren mit XYs Verwandte zuvor noch essen – auch eine Situation (mit mir nicht so bekannten Menschen in einem Restaurant sitzen), die mich schon oft in Panik versetzt hat – ebenso wie Wege in fremden Städten zu Fuß bewältigen zu müssen, vor allem bei Dunkelheit.

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Im Yalla Yalla im Steintorviertel

Als wir später mit dem Auto auf dem Weg durch die Nacht ins Tivoli waren kamen Angstgefühe in mir hoch – alles wirkte so fremd und bedrohlich. Einer Eingebung folgend bat ich XY mit mir zusammen ein paar OM SHIVA Mantren zu singen: Das hat sofort geholfen! 🙂

Die Location war dann auch noch ziemlich klein und noch nicht einmal voll besucht. Für die Band natürlich schade, für mich eine Erleichterung.

Vom Band liefen die ganzen alten und mir wohlbekannten Indie-Grufti-Songs … Anne Clark, Philip Boa, Dead Can Dance, Kate Bush … dazu umwaberte mich die altbekannte Mischung aus Patchouli-Duft und Schwefel-Nebel. Das war ein Trip zurück in meine späte Jugend. Ein schöner Trip zurück in eine Zeit, in der bei mir Aufbruchsstimmung und Freundschaft und Musik und Vanilletee und Räucherstäbchen und liebevolle Gefühle und Melancholie und Fremdartigkeit und erste Lieben und tiefer Schmerz und Gemeinschaftlichkeit mein Leben bestimmten.

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Vorband Bayuk

Punk 20.30 Uhr ging’s los (sowas kenne ich aus Hannover gar nicht mehr). Mit Bayuk präsentierte sich uns eine großartige und sehr passende Vorband, wirklich richtig gut!

Und Klez.e … was soll ich sagen. Düster, schmerzvoll, politisch, sehend, berührend und bewegend. Ich musste tanzen und weinen und lachen und da sein. Meine müden Beine sind zum Leben erwacht, die Fatigue hat sich schlafen gelegt und meine Seele zog sehnsuchtsvolle Kreise.

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Klez.e

Als ich den Bandmitgliedern hinterher erzählt habe, wie großartig ich ihre Konzerte fand, hat mir Klez.e Sänger Tobias Siebert auch noch angeboten mir einen Gästelistenplatz zu geben für das morgige Konzert in Celle. Glücksgefühl!

❤ ❤ ❤

Nachtrag: Ich bin so unglaublich dankbar, dass mein Körper sich schon wieder so gut erholt hat. Meine Beine tragen mich noch immer. Das ich tanzen kann! Das mir heute mein volles Teeglas mal so eben aus der Hand glitt, weil meine Nerven wohl manchmal nicht merken, wie fest ich zupacken muss … was soll’s? Ich war müde, hatte zu wenig Schlaf auf der Mütze. Dafür. Kann. Ich. Gehen. Und. tanzen. Und. Hüpfen!

Wie alles begann – Agoraphobie und andere Ängste, Teil 3

Meine erste bewusst als solche erlebte Panikattacke im Alter von 13 Jahren und wie es danach weiter ging habe ich in Teil 1 und 2 beschrieben. Die Angst begleitet mich von Kindesbeinen an, erst diffus, als übergroße Schüchternheit im Vorschulalter, nächtliche Ängste, Trennungs- und Schulangst, Emetophobie (Angst vor dem Erbrechen) im Grundschulalter und schließlich Panik und Agoraphobie ab der Pubertät.

Als ich in die Oberstufe kam, wurden die Karten neu gemischt. Meine ehemals beste Freundin verließ die Schule und ich verlor den Kontakt zu ihr. Es gab keine Klassen mehr, sondern nur noch eine ganze Jahrgangsstufe und dadurch, dass ich nicht auf der Jahrgangsstufenfahrt dabei war (siehe Teil 2) hatte ich keinen richtigen Anschluss an alle neu gebildeten Gruppen. Das einzige Mädchen, dem ich mich noch verbunden fühlte verbrachte ein Halbjahr im Internat in England.

Ich verschloss mich. Ich wurde zum Automaten. Ich ging zur Schule, jeden Tag. Es gab viele Tage, an denen ich mit niemandem sprach. Kein Wort. Ehemals eine gute bis sehr gute, aufgeweckte und interessierte Schülerin flossen die Schulstunden qualvoll wabernd an mir vorbei. Nebel. Es wurde Herbst, dann Winter.

„Wie war’s?“ fragte meine Mutter jeden Tag, die immer gleiche Antwort quälte sich unter meiner bleischweren Zunge hervor: „Super, wie immer.“ Ich war müde. In den Pausen versteckte ich mich manchmal in leeren Klassenräumen oder in Bereichen auf dem Pausenhof, wo sich kaum ein Oberstufenschüler rumtrieb. Ich wollte nicht sprechen. Mein Rücken tat weh. Dunkelheit umzog mich in einem immer enger werdendem Mantel.

Irgendwann am Jahresanfang kehrte meine Freundin C verfrüht aus England zurück. Ebenfalls depressiv und ausgeschlossen. Bei unserem ersten Telefonat wollte sie wissen, was alles passiert war, was die anderen so machen, wie es in der Schule läuft. Das war der Moment, in dem ich zum ersten Mal ehrlich über meine Gefühle sprach. „Ich weiß nicht, C. Ich rede mit niemandem. Ich fühle mich schrecklich und ich hasse sie alle.“ C lachte und lachte und lachte und schließlich musste ich auch lachen.

Nach ihren ersten Tagen zurück in der Schule sagte sie: „Plejade, ich weiß jetzt, was Du meintest. Es ist furchtbar hier. Die anderen nerven nur, sind lächerlich, dumm oder “

Im März kaufte ich mir das neue Album von den Charlatans.

http://videos.sapo.pt/agVNNvBAF839UoqHdjVh

Gefühlt hat mir dieses Album das Leben gerettet. Die gelben Bananen auf dem Cover. Das Gefühl cool zu sein. Ich war die erste, die das Album hatte, importiert aus England. Außer mir gab es nur ein weiteres Mädchen (L in die ich nahezu verliebt war <3), das so coole Musik hörte. Und C. dann auch noch. Ich fühle mich besser. Ich war anders als die anderen, aber da draußen gab es Leute, die auch anders waren. Die den ganzen oberflächlichen Jugendlichen-Mist nicht mochten. Die Ernsthaftigkeit bevorzugten. Nachdenkliche Menschen. 120 Minutes auf MTV war meine Rettung und mein Lebenselixier! Mit dem Bananen-Cover von „Between 10th ans 11th“ ging die Sonne für mich auf. Ich erwachte mit dem Frühling zu neuem Leben.

Und dann kam die Angst mit voller Wucht zurück.

Teil 1

Teil 2