Ich sehne mich nach Leichtigkeit, – zurück ins Licht

Heute Abend übe ich mich in achtsamer Akzeptanz. Vor vier! Monaten habe ich einen Wochenend-Kurs gebucht, Thema: Achtsamkeit. Heute Abend sollte es losgehen. Und nun? Ich kann da unmöglich hingehen. Ich huste und huste, ich würde stören. Außerdem habe ich eine üble Bindehautentzündung, die ja bekanntlich sehr ansteckend ist. Und ganz ehrlich: ich fühle mich auch so elend, dass ich mich gar nicht mehr vom Sofa weg bewegen mag. Das Kleine Wunder freut sich, bei ihrer Lieblingsfreundin schlafen zu können. Ich habe alles super organisiert: wie und vom wem sie vom Hort abgeholt wird, wo sie sich dann aufhalten kann, bis sie um 19 Uhr zur Freundin kann, wo sie dann bis Morgen Abend bleibt, bis der Kurs zu Ende ist. Das war mit Hindernissen verbunden. Die erste Verabredung wurde nämlich spontan heute krank und so mussten mehrere Leute verschiedene Etappen übernehmen. Aber ich habe es dank sehr hilfsbereiter, liebevoller Familien geschafft. Dafür bin ich dankbar. Das ist so toll!

Und nun übe ich mich darin: Kein schlechtes Gewissen zu haben, so viele Leute eingespannt zu haben und dann zu schwächeln. Denn die Realität ist: Ich bin froh, dass das Wunder nicht hier ist und ich mich ausruhen kann. Froh, dass ich sie auf diese Weise weniger wahrscheinlich mit der Bindehautentzündung anstecke. Sie selbst freut sich wie das erste Schneeglöckchen und wird ein wundervolles Wochenende haben.

Es ist schade ums Geld, aber meine Entscheidung ist vernünftig und gut und schützt zudem einige andere Leute davor sich von mir anzustecken. Warum zur Hölle hadere ich dann trotzdem? Es ist mir in den letzten Jahren so verdammt oft passiert, dass ich Karten für eine Veranstaltung hatte, mich zu einem Kurs angemeldet hatte, langwierig verabredet war … und dann krank geworden bin. Das ärgert mich. das schöne Geld! Und dieses Gefühl, nun verschiedenste Leute eingespannt zu haben, nur damit ich den Kurs machen kann, den ich dann gar nicht mache … plejade! Es darf Dir gut gehen. Du darfst für dich sorgen. Du darfst tun was du möchtest und für dich richtig ist. Wann wirst du das verstehen? Und wo verflixt nochmal, ist denn nun diese Leichtigkeit und dieses Licht, nach denen du dich so sehnst???

Das große Finale als Anfang?

Es ist so viel. Es ist immer so viel. Wann kann das endlich aufhören? Ich will doch nur ein friedliches Leben führen …

XY ist in der Psychatrie, endlich. Er ist weg, er lässt sich helfen. Das ist eine große Entlastung. Und doch fühle ich mich kaum erleichtert. Die Probleme bleiben.

Das Wochenende mit dem Kleinen Wunder war ein mütterlicher Kraft-Akt. Bettnässen, Wutanfälle, Anlehungsbedürftigkeit, Alpträume und unruhiger Schlaf. Weiterhin nicht-in-die Schule-Wollen und auch nicht in den Hort. Mir tut alles weh. Vor allem das Herz. Dazu sind wir beide richtig stark erkältet.

Meine Mutter hilft. Das Wunder ist jetzt bei ihr. Damit ich mich ein bisschen ausruhen kann. Und damit der alte Rhythmus einigermaßen bestehen bleiben kann. Und doch fühle ich mich so allein mit allem. Der zweite Elternteil fehlt. Immer fehlt er. Schon immer. Ich mache mir das Leben schwer, weil ich allen Entscheidungen diesbezüglich eine große Schwere gebe.

Ich möchte das Kleine Wunder beschützen, doch ich kann es nicht. Und ich kann nicht alles wieder gut machen, was ihr Vater vielleicht verbockt hat. Was ich verbockt habe. Ich kann es nicht. Und ich kann ihr auch nicht die Last abnehmen, dass sie eine chronisch kranke Mutter hat. Eine Mutter mit Multiple Sklerose. Eine mit starker Angst-Störung und Depression. Und einen Vater mit Depression. Einen Alkoholiker. Der vielleicht sogar eine Persönlichkeitsstörung hat. Und eine Oma mit Angstproblematik, traumatisiert. Und eine andere Oma, die erst vor drei Jahren einen Suizidversuch unternommen hat. Was sind das für Lasten?

Wie soll ihre Zukunft aussehen? Wie meine? Wie unsere gemeinsame? Nach ein paar Wochen Therapie wird ihr Papa kein neuer Mensch sein.

Alles kommt mir bleischwer vor.

Das Kleine Wunder wundert sich

vermutlich sehr darüber, was mit Papa los ist. Sie war von Sonntag Abend bis einschließlich Mittwoch früh bei ihm und hatte jeden Tag Bauchweh. Heute Morgen wollte sie nicht in die Schule, weil sie „zu müde“ war. Aber sie wollte so ganz und gar nicht. So wenig, dass ich mich an Kindergartenzeiten erinnert habe. Mit Schreien und Hauen und auf den Boden werfen. Auch draußen auf dem Bürgersteig.

Ihren Freund, der an der Ecke auf sie wartete, schickte ich dann alleine los. Irgendwann war ich selbst sehr wütend (Hilflosigkeit äußert sich dann oft so bei mir). Ich hatte weder gefrühstückt, noch geduscht, ich war auch nicht passend für die Witterung gekleidet, denn, dass ich mich so lange oder überhaupt draußen aufhalten würde, war nicht geplant. Und zog sie ärgerlich mit mir um die nächste Straßenecke Richtung Schule. Aber dann machte es auch schon „Plopp“ in mir, ich hielt an und nahm sie erstmal ganz fest in den Arm.

Sie weinte bitterlich. Nein, ich will nicht. Zu müde. Und die anderen Gründe erzähle ich Dir nicht. Wir schafften es dann aber bis zur Schule, bis vor das Klassenzimmer. Wo ich klopfte und die Lehrerin bat kurz raus zu kommen. Die reagierte – verständlicherweise – unwirsch. Es ist nicht erwünscht, dass Eltern mit in die Schule kommen und schon gar nicht ins Klassenzimmer. Es gibt einige Kinder, die häufig zu spät kommen und das stört natürlich sehr. Aber als die Lehrerin so unfreundlich reagierte, kamen auch mir die Tränen. Zu viel.

In der Nacht bin ich von einer scheußlichen Panikattacke aufgeschreckt, mit schlimmer Luftnot und dem Gefühl gar keinen Sauerstoff mehr einzuatmen, extremes Herzrasen – das hing mir noch nach.

Die Lehrerin kam dann aber doch vor die Tür und sprach mit uns und Das Kleine Wunder ging dann ins Klassenzimmer. Und die Lehrerin nahm mich in den Arm. Wir redeten noch kurz und nach der Schule hab ich Das Wunder direkt abgeholt und die ausnahmsweise nicht zum Hort gebracht.

Sie ist durcheinander, reagiert schnell ungehalten, schreit mich an. Jetzt ist eine Freundin hier, das tut ihr sichtlich gut.

Und ich? Habe jetzt festgelegt, dass der Papa sich um sich zu kümmern hat und Das Wunder erst wieder zu sich nehmen kann, wenn er sich besser fühlt. Sie wird ihn vermissen, aber sie braucht ein stabiles Zuhause. Papa ist krank und kann sich gerade nicht richtig um sie kümmern.

Die Lehrerin weiß Bescheid, die Leute im Hort wissen Bescheid.

Ich habe Rückenschmerzen, bin müde, sehr müde und aufgewühlt. Wie die nächsten Wochen aussehen werden, weiß ich nicht. Aber ich werde die Seele meines Wunders schützen und ich werde meine Seele schützen so gut ich nur kann. Morgen vereinbare ich einen Termin mit der Schulsozialarbeiterin. Ich hole mir so viel Unterstützung wie ich kann.

Erwachsen?

Da fahre ich voller Angst und Adrenalin mit dem Rad zum 500 Meter entfernten Laden um einzukaufen. Mit dem Rad, weil ich damit schneller bin, zu Fuß noch mehr Panik hätte. Und dann sehe ich Das Kleine Wunder wie es dort entlang tapert. Ganz allein. Auf dem Weg von der Schule zum Hort, sich auf halber Strecke mit dem Erzieher treffend. Mit ihren fünf Jahren, voller Vertrauen diesen Weg meisternd, der viel weiter ist, als der meinige und den ich überhaupt nicht allein bewältigen könnte zu Fuß und allein.

Ich konnte meine Tränen nur mit Mühe zurück halten.

Wie ein Kleines Wunder mich an meine Grenzen bringt

… schnell und einfach schafft sie das. Ein eigenes Kind mag der beste Therapeut / die beste Therapeutin sein – zumindest gibt es ganz viel Konfrontation mit dem eigenen Schatten seitdem ich mit dem Kleinen Wunder lebe.

Gestern trafen wir ihre Lehrerin auf dem Spielplatz und plötzlich klagte das Wunder über Bauchweh und wollte heim – und sie ist kein typisches Bauchweh-Kind. Ich ahnte gleich, dass da irgendwas im Argen liegt. Und wunderte mich ein bisschen, weil das Kleine Wunder bisher so verliebt gewesen ist in die Lehrerin.

Als wir dann abends im Bett lagen sagte sie, dass sie am nächsten Morgen auf keinen Fall zur Schule gehen wird. Huch! Bisher hatte sie sich doch immer gefreut. Sehr vehement war sie. Aber warum sie nicht gehen wollte, das konnte sie mir nicht sagen. Fragen machten sie wütend und verschlossener. Und sie hustete und nieste künstlich ohne auch nur im geringsten krank zu sein.

Heute früh ging es dann nahtlos mit Totalverweigerung weiter. Sie kam nicht aus dem Bett, versteckte sich unter der Bettdecke, wütend und grimmig und verzweifelt auch. Und ich? In mir stiegen Ungeduld und Wut hoch. Der Uhrzeiger tickte unaufhörlich und ich fühlte mich hilflos, weil sie mich mal wieder so gar nicht an sich ranließ.

Erinnerungen kamen hoch, an meine eigene Schulangst, an meine Unfähigkeit diese Angst auch nur ansatzweise auszudrücken. Daran, dass ich einfach brav war und keinen Mucks gesagt habe und voller Angst immer wieder hingegangen bin. Daran, dass meine Eltern davon rein gar nichts bemerkt haben. Wie allein ich mich gefühlt habe. Tränen schossen in mir hoch. Und ich fühlte mich wie eine Versagerin. Als Mutter, als Sorgeberechtige, und wahnsinnig hilflos und ängstlich.

Dann aber konnte ich mit dem Mitgefühl, dass dieser Prozess in mir ausgelöst hat, meine Ungeduld und Wut überwinden und ich machte ihr ein Hörspiel an und brachte ihr das Frühstück ans Bett. Und habe ihr erzählt, dass meine Lehrerin mich in der Grundschule mal ausgeschimpft hat, weil ich zu laut geniest habe und ich das so ungerecht fand, dass ich auch nie wieder in die Schule wollte.

Und als ich das nächste Mal ins Zimmer kam und mich auf ihr Bett setzte, da brach sie in Tränen aus und erzählte von einer Aufgabe, die sie gestern nicht lösen konnte und die sie heute weiter bearbeiten muss und dass sie das nicht hinkriegt und nicht will und das ihr Freund M ihr auch nicht helfen kann, weil der nämlich nicht mehr ihr Freund sein will, seit drei Tagen schon. Und da hab ich sie fest in den Arm genommen und gespürt, wie sie sich entspannte. Da musste ich nicht mehr viel sagen, denn das Reden, das hat ihr schon geholfen. Danach hat sie sich angezogen und wir sind zur Schule gegangen. Und ich habe mich für Ihr Vertrauen bedankt und gesagt, dass ich immer für sie da sein werde. Und das sie Fehler machen darf und nicht alles können muss und dass es mir nicht wichtig ist, dass sie alles richtig macht in der Schule.

Danach saß ich hier auf meinem Sofa und musste erstmal durchatmen. Niemals hätte ich gedacht, dass es so ist, wenn man ein Kind hat. So intensiv. So aufwühlend. Und ich war ein kleines bisscehn stolz auf mich und froh, dass die Situation noch so eine gute Wendung genommen hat – auch wenn ich nicht genau weiß, wo der Knackpunkt lag.

Ich hoffe, sie hatte einen guten Tag heute.

Wieder da!

… aber noch nicht ganz. Bin noch am Wäsche waschen und räumen und nachher gehts zum Straßenfest mit dem Kleinen Wunder Flohmakt machen. Ich habe viel zu berichten, die Mutter-Kind-Kur war wahrhaft durchwachsen und ich freue mich ehrlich gesagt, dass mir Ende Juli noch eine Woche Urlaub bevor steht. 🙂

Die Berichterstattung folgt irgendwann in den nächsten Tagen, aber ich habe ganz demnächst auch noch Geburtstag, feiere ne Party und fange wieder an zu arbeiten (und da liegt echt ein riesiger Berg auf meinem Schreibtisch). Aber jetzt erstmal Flohmarkt vorbereiten. Bis bald Ihr Lieben!!

Hast Du jetzt genug geheult?

Eine schwangere Frau mit einem 2–3 jährigem Kind. Ich höre das Kind schon von weitem laut und kraftvoll weinen. Sie überqueren den Zebrastreifen dem ich mich nähere und ich höre wie die Frau in genervtem und scharfem Tonfall zu dem Kind sagen: „Hast Du jetzt genug geheult?“ Es fährt mir wie ein Stich ins Herz. Das Kind weint noch lauter. Bockt, bleibt stehen. Sie packt es grob am Arm und zieht es weiter und dann schlägt sie ihm von hinten auf den Hinterkopf.

XY ruft laut: „Hey, man schlägt Kinder nicht!“.
Sie zieht das Kind aufgebracht weiter, hat ihn scheinbar nicht gehört. Ich folge den beiden ein Stück bleibe stehen und beobachte sie, als eine weitere Frau vorbei radelt, meine Empörung wahrnimmt und ruft: „Mütter sind halt manchmal überfordert. So ein Kind kann einen an seine Grenzen bringen!“
Ich: „Ja, das kann ich verstehen. Ich habe selbst eines. Aber sie hat das Kind gerade geschlagen.“
„Jaja, sowas passiert dann.“ und radelt weiter.

Fassungslos drehe ich mich wieder um. Die Frau mit dem Kind ist weg.

Das geht mir nah. Es lässt mich nicht los. Das weinende Kind. Die überforderte Mutter. Was hätte ich tun können? Einerseits weiß ich, dass es die Situation für das Kind verschlimmern kann, wenn man ein Elternteil bloßstellt. Wenn jemand sein Kind so in der Öffentlichkeit behandelt, was passiert dann hinter verschlossenen Türen?

Andererseits finde ich es wichtig, dass Kinder in solchen Situationen mit bekommen, dass es Erwachsene gibt, die dieses gewalttätige Verhalten des Elternteils (?) keineswegs gutheißen. Wahrscheinlich war die Frau wirklich massiv überfordert. Auch sie tut mir leid. Was kann ich beim nächsten Mal in so einer Situation tun? Ihr hinterherlaufen und freundlich ansprechen (was mir sicher schwer fällt)? Ihr eine Visitenkarte oder Flyer von pro familia in die Hand drücken? Hätte ich mich anders, hilfreicher verhalten können? Kann ich ein Kind in so einer Lage irgendwie schützen?

Es macht mich sehr traurig zu wissen, dass dieses Kind kein Einzelfall ist.

 

Heute nicht, 2

Als wir uns dann schließlich draußen zu B gesellten, gefiel dem Kleinen Wunder der Platz nicht, den er ausgesucht hatte. Wieder jammern und weinen und Unzufriedenheit. Mittlerweile waren wir alle wirklich genervt. Und entschieden dann, die Zelte abzubrechen, da wir ohnehin noch nicht bedient worden waren.

Wir sind dann hier in Kneipenrestaurant gegangen, dass ist der Ort, an dem wir oft mit dem Wunder essen gehen. Hier fühlt sie sich sicher. Ab da klappte dann auch alles gut zwischen uns.

B überredete mich, den Abend mit ihm zu verbringen – es gab einiges an möglichem Programm und ein Teil von mir hatte da auch Lust dazu. Vor allem nach dem für mich stressigem Nachmittag. Ein anderer Teil wollte den Abend mit dem Kleinen Wunder verbringen … vor allem nach dem für uns beide stressigem Nachmittag. Aber ich fragte das Kleine Wunder, ob sie Lust habe, bei Papa zu schlafen. „Ja.“ Ich hatte mit dieser Antwort nicht wirklich gerechnet. Und ihr Papa sagte dann am Telefon, dass er nicht dagegen habe. Auch damit hatte ich nicht wirklich gerechnet.

Also holte er das Wunder später ab und ich bin mit B zu einer Party gegangen. Es war laut und voll und ich traf eine „Freundin“ die ich gar nicht mehr als Freundin sehe. So wechselten wir auch nur wenige Worte. Außerdem traf ich T, der betrunken war. Und auch das hat mich aufgewühlt. Ich kann mich selber nicht verstehen. Ich mag T sehr. Sehr. Er ist ein guter Freund geworden. Aber da ist etwas an ihm, dass mich noch mehr anzieht. Verliebt sein fühlt sich anders an. Und dann stand er vor mir und war nicht wirklich greifbar, weil er eben getrunken hatte. Und diese Distanz zwischen uns, die ist ein so vertrautes Gefühl für mich. Und etwas in mir, will diese Distanz unbedingt aufbrechen und ihm näher sein.

Und dann habe ich darüber nachgedacht, ob er nicht längst ein Alkoholproblem hat. Oder ob ich das überbewerte, weil ich eben die schlimmen Erfahrungen mit dem alkoholkranken XY gemacht habe. Und zugleich ist da diese Sehnsucht nach Nähe und dann waren sie da: Die leisen Gedanken, dass er vielleicht nur trinkt, weil er sich ein bisschen einsam fühlt: Und wenn ich ihm nun deutlich mache, dass ich mir mehr Nähe wünsche, dass er dann aufhören könnte zu trinken, das wir füreinander da sein könnten und alles gut werden würde. So fühlt sich Sucht an, oder? Diese Gedanken kenne ich doch. Diese Gefühle sind mir heimatlich vertraut. Das sind Vorstellungen und Ideen, die mir ein Gefühl von Machbarkeit verleihen. Die meinem Leben einen Sinn geben könnten. Die mich aufwerten. Denn wenn jemand wegen mir schlechte Angwohnheiten fallen lassen würde, – das wäre doch ein Beweis echter Zuneigung.

Aber ich weiß, das es so nicht geht. Jeder Mensch, kann immer nur sich selbst ändern. Es liegt nicht in meiner Macht jemanden zu ändern. Ich bin nur für mich verantwortlich (und für das Wunder natürlich, solange sie klein ist).

Das war der Moment, in dem ich abgewunken habe und die Party verlassen habe. Und mit Tränen in den Augen nach Hause gegangen bin. So überstark war diese Sehnsucht. Am Liebsten hätte ich mich in seine Arme geworfen und ihn um um einen Kuss gebeten. Und so ungesund ist diese Sehnsucht.

So sind die Männer, die mein Interesse wecken. Die Gefühle auslösen. Diese Distanz zieht mich an. Aber genau das ist ab jetzt mein verbotenes Land. Weil in diesem Land nur Krieg und Krise auf mich wartet. Und die Sehnsucht niemals Erfüllung finden wird.

Ich wollte lernen, mich zu zeigen. Aber wenn ich diesem Mann, diese Gefühle zeige ist das brandgefährlich für mich. Und ich brauche Freundschaften. Und vielleicht ist das alles auch nur in meinem Kopf. Ich und Gefühle – das ist und war immer ein Irrgarten der Verwirrung und Angst.

Ich bereue es, überhaupt auf diese Party gegangen zu sein und nicht mit dem Kleinen Wunder zu Hause bei mir geblieben zu sein.

Heute nicht, 1

Heute schaffe ich es nicht mehr. Ich habe einen Spaziergang mit T gemacht und dann bin ich nach Hause gegangen und nun liege ich mit Wärmflasche im Bett und im Regal steht eine Duftlampe mit einem stimmungsaufhellendem Duft, die ich angezündet habe.

Ich schaffe es heute nicht aufzuräumen, den Haushalt zu machen, eine gute Freundin zu sein. Den geplanten Museumsbesuch mit B habe ich abgesagt. Ich vermisse mein Kind. Sie ist heute mit ihrem Papa unterwegs mit Übernachtung. Ich bin froh, dass sie nicht hier ist und ich mich nur um mich selbst zu kümmern habe. Aber ich vermisse sie dennoch.

Gestern ist es so blöd gelaufen und ich habe heute das Gefühl, alles falsch gemacht zu haben. Eine schlechte Mutter zu sein und auch für mich falsche Entscheidungen getroffen zu haben.

Zuerst:
Das Kleine Wunder hatte sich sehr auf den Ausflug mit B gefreut, weil wir zu einer Pferdekoppel fahren wollten. Sie hat morgens gleich Möhren und Äpfel gewaschen und klein geschnitten und im Halbstunden- (oder auch 5-Minuten-)Takt gefragt, wann es los geht. Weil ich nicht wusste, was genau uns dort erwartet, habe ich ihr gesagt, dass es sein kann, dass wir die Pferde gar nicht füttern dürfen. Sie wollte dann, dass ich B danach frage. Aber er wusste es auch nicht. Und ich habe dann zu ihr gesagt: „Wenn da keine anderen Leute sind, machen wir das einfach!“

Als wir dann ankamen, waren da viele Pferde, aber auch einige Menschen. Und das Wunder, dass doch so voller Vorfreude gewesen war – wollte nicht einmal aus dem Auto aussteigen! „Weil da andere Menschen sind.“ Schüchternheit? Ich sagte ihr, dass die bestimmt freundlich sind, dass wir ja zusammen hingehen und ich bei ihr bin. Das wir das schaffen. Schließlich stieg sie aus dem Auto, denn ich hatte ihr angeboten, erstmal in die andere Richtung zu gehen um zu gucken, ob es dort vielleicht auch noch eine Pferdekoppel gibt. Aber schon nach kurzer Zeit wollte sie nicht weiter. Blieb stehen, hielt mich fest, jammerte, wurde wütend und verzweifelte. Da mit mittlerweile klar war, dass da auch weiter hinten vermutlich keine weiteren Pferde stehen würden, bot ich an umzukehren. B ging ein Stück weiter um herauszufinden, dass das Feld tatsächlich leer war.

Als wir wieder auf der Höhe des Autos waren, wollte sie dort einsteigen. Ich wollte nun aber selbst einmal zu den Pferden und hatte natürlich auch die Hoffnung, dass sie mir folgen würde. Aber sie versteckte sich zwischen den Autos und weinte und schrie. Ihre Begründung war nach wie vor, dass da andere Menschen waren. Also entschlossen wir uns zu einer Koppel zu fahren, die wir auf dem Hinweg gesehen hatten. Dort standen zu zwei Pferde, aber es war weit und breit kein Mensch zu sehen. Aber auch dort wollte das Wunder partout nicht aussteigen und mir auch nicht die Tüte mit dem Pferdefutter geben.

Mission also völlig missglückt. Und ich fühlte mich einfach hilflos. Kind unglücklich, Begleitung / Fahrer genervt und ich fühlte mich auch schlecht. Mittlerweile ist mir klar, dass das alles mit meiner Äußerung „Wenn da keine anderen Leute sind, machen wir das einfach!“ zu tun hatte. Das Wunder wollte sich an die Regeln halten, hatte wohl Angst etwas falsch zu machen.

Eine ähnliche Situation gab es dann noch im Café. Wir wollten draußen sitzen, B suchte einen Platz, während ich mit dem Kleinen Wunder das Café betrat um eine Toilette zu suchen, weil sie Pipi musste.

Mama, wir müssen vorher fragen, ob wir die Toilette benutzen dürfen.“
Ich ging in die Hocke, sah ihr in die Augen und sagte: „Nein, hier müssen wir das nicht. Denn wir wollen hier ja Kaffee trinken. Dann darf man die Toilette ohne zu fragen benutzen.“

Aber auch hier fing das Wunder an zu weinen und an mir zu zerren und wiederholte hartnäckig, dass wir fragen müssen. Ich zog sie dann einfach Richtung Toilette, aber zufrieden waren wir damit beide nicht.

Ich verstehe: Es geht um Regeln, es geht um Sicherheiten und es geht um die Angst, Fehler zu machen. Aber warum vertraut sie mir, ihrer Mama, in so einer Situation nicht und kann sich nicht auf  meine Vorgehensweise einlassen?

Habt Ihr Ideen dazu? Ich seh den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Wohin die Reise geht?

Da ist sie wieder, die Angst.

Eine teuflische Unruhe hat sich im letzten Jahr eingeschlichen. Ich fühlte mich immer mehr gehetzt, unter Druck, überfordert. Dann immer mal wieder kurze Phasen der Entspannung und der Gedanke: „Quatsch, schaffst Du schon alles. Schaffen andere ja auch.“. Der Dezember war unglaublich stressig – und ich weiß gar nicht mehr so genau warum. Ich wurde immer fahriger, vergesslicher, hektischer, ungeduldiger, gereizter.

Dann hatte ich drei Wochen frei und es ging mir besser. Schon am 2. Arbeitstag setzte die Unruhe wieder ein. Das Gefühl alles nicht mehr zu schaffen, mit allem überfordert zu sein. Alles zu viel. Von allem. Dann wurde das Kleine Wunder krank und ich fiel aus, dann wurde ich krank. Danach – oder währenddessen – habe ich dann nochmal ein paar Tage gearbeitet. Dann setzte der Schub ein. Irgendwie erwartet. Nun bin ich seit 7 Wochen zu Hause, es ist etwas Ruhe eingekehrt. Nach und nach habe ich wieder angefangen von daheim etwas zu arbeiten und Dinge zu regeln (ALG2 Antrag, Wohngeldantrag, mal wieder zur Therapie fahren, seit 3 Wochen 2x die Woche Physio- und 1x die Woche Yogatherapie, wiede rmehr für das Kleine Wunder da sein, mal wieder richtig aufräumen …) und Zack! die Rastlosigkeit ist wieder da. Überreiztheit.

So langsam stelle ich mir die Frage, ob ich nicht an so etwas wie einem Burn Out leide und der Schub nur eine sichtbare, körperliche Konsequenz davon ist.

Mittwoch auf dem Elternabend Schwindel und Angst, nahe der Panik. Ich fühlte mich seltsam. Anders. Weit weg. Gefährdet. Hoffentlich kann ich bald nach Hause.

Gestern lag ich beim Physiotherapeuten auf der Liege, übernächtigt, weil ich eine unruhige, schlaflose Nacht hinter mir hatte und fühlte mich so außer mir. Ich wartete auf den Therapeuten und war sicher jetzt verrückt zu werden. Wahnvorstellungen zu entwickeln. Ich fühlte mich greifbar bedroht. Die Massage hat mich dann wieder runter gebracht und ich konnte guter Dinge den Tag verbringen.

Heute Morgen packte mich auf dem Radweg mit XY Richtung Neuro-Praxis wieder Angst. Auf dem Rückweg auf der Brücke an der großen Straße mit den Hochhäusern wurde die Angst zur Panik. Atmen. Es geht wieder vorbei. Es geht immer vorbei. Du bist nicht verrückt.

Es steht Kopf. Ich stehe Kopf. Oder liege ich schon am Boden? Ich habe Angst um meinen Körper, um meine Sinne. Ich will nicht, dass mir die Nerven wegbrutzeln. Tun sie aber, die MS ist da.

Es geht nicht so weiter wie bisher. So viel ist klar. Ich kann nicht wieder so einsteigen. Als der Schub los ging, bin ich ausgestiegen. Aus der Nor heraus. Aus Notwendigkeit. Aus Klugheit. Kann ich jetzt so klug sein, nicht wieder einzusteigen? Wie soll das gehen? Das Geld muss verdient werden. Das Kind muss umsorgt werden. Mein Körper muss vielvielviel schlafen –die Tage sind deshalb kurz –, und er braucht Sport und Yoga und Meditation. Ich brauche gutes Essen. Ich vermisse meine Kunst, eine körperlich-schmerzhafte Sehnsucht nach Schaffen. Und Freundschaften, ich brauche Freundschaften und Austausch, viel mehr als das in den letzten Jahren der Fall war.

Wie verdammt nochmal soll das gehen? Es ist zu viel. Und ich sehe keinen Weg der Änderung. Ich sehe ihn einfach nicht, obwohl er vermutlich fett und breit und einladend vor mir liegt. Und ich bleibe seit Jahren an dieser Stelle hier kleben und schlage mich mit XY rum und mit schlechtem Gewissen und Grübeleien, mit Abhängigkeiten und Angst vor Verlust und davor Fehler zu machen und vor Einsamkeit und Vereinsamung.