Angst und Liebe

Mit T verbindet mich eine Freundschaft die in den letzten Wochen und Monaten immer tiefer wurde. Wobei ich mich schon lange gefragt habe, was daraus wird und was eigentlich in seinem Kopf so vorgehen mag bezüglich der Beziehung zu mir. Immerhin sind wir beide alleinerziehende Singles. Bei aller Freundschaft: er ist nicht richtig greifbar für mich und es gibt Themen, die wir nicht ansprechen.

Als wir uns vor 2,5 Jahren kennengelernt haben, war ich von XY getrennt. Aber später bin ich noch ganz schön um und mit ihm rumgeeiert. T habe ich aber immer in dem Glauben gelassen, dass ich Single bin. Anfangs kannten wir uns noch nicht so gut, als das dass überhaupt wichtig gewesen wäre, bzw. wäre es irgendwie unangebracht und zu persönlich gewesen darüber zu sprechen. Dann hatte ich das Gefühl, es sei zu spät ihn darüber aufzuklären. Meine Beziehung zu XY war allerdings auch die ganze Zeit ziemlich distanziert, keine Körperlichkeiten, – eher ein Abwarten, ob sich die Dinge nochmal zum Guten wenden, unter der Überschrift „wir sind zusammen“.

T fand ich ehrlicherweise von Anfang an attraktiv. Zugleich war und bin ich verstört, was Männer betrifft. Ich dachte erst, T trinkt vielleicht auch und habe daher emotional dicht gemacht. Aber seit zwei Jahren laufe ich mit einer Sehnsucht herum. Einer Sehnsucht nach T. Über die ich schon viel gegrübelt habe. Nährt diese Sehnsucht sich davon, dass er mir so wenig greifbar scheint? Will ich etwas, weil ich es nicht haben kann? Bin ich einfach bedürftig und da ist nun ein Mann in meiner Nähe und ich projiiziere meine Sehnsüchte einfach nur auf ihn, weil er sich dafür eignet? Ist das auch coabhängiges Verhalten?

Er hat auch so seine Vergangenheit, traumatisiert aus der Kindheit, kommt – tadaa! – aus einer Alkoholikerfamilie. Will ich ihn etwa retten? Wirkt da einfach nur mein altes Muster?

Mehr und mehr lerne ich ihn schätzen, mehr und mehr wächst meine Sehnsucht. Er weicht Berührungen aus, was mir schon bald als seltsam aufgefallen ist. Ist ja in einer „nur“ guten Freundschaft eigentlich kein Problem.

Vor ein paar Tagen schrieb er mir per Chat, dass er schon oft darüber nachgedacht und in sich hineingefühlt hat, ob wir uns nicht auch nochmal anders annähern sollten, er aber immer wieder zu dem Punkt kommt, lieber bei Freundschaft zu bleiben, um sich diese bloß zu bewahren.

So ähnlich umtreibt mich das seit Wochen, wenn nicht Monaten. Freundschaften sind so wichtig. Mich hat diese Aussage von ihm sehr aufgewühlt. Es ist das erste Mal, dass die Art unserer Beziehung überhaupt mal thematisiert wurde. Bezeichnenderweise im Chat und nicht im Gespräch. Wenn ich da mit Humor drauf gucke, muss ich sehr darüber lachen. Seitdem wüten in mir die Emotionen. Ich kann sie nicht gut deuten, mit Gefühlen hab ich so meine Probleme. Ich bin aufgeregt, seine Nachricht hat mich auf der einen Seite sehr erfreut. Er scheint mich ja auch attraktiv zu finden. Ich habe ihm zurück geschrieben, dass es mir ähnlich geht. Ich aber auch mittlerweile richtig Angst vor der Liebe habe. (Das mit der Freundschaft kann man sich ja auch schön reden, wenn man eigentlich nur zu wenig Mut für eine neue Beziehung hat)

Gestern haben wir uns getroffen um nochmal drüber zu reden. Wir haben aber nur kurz rumgedruckst und uns dann anderen Themen zugewandt. Sein Fazit war aber: Eigentlich haben wir im Chat ja schon alles geklärt, es bleibt bei Freundschaft.

Aber ich kann seit Dienstag nicht mehr schlafen.

3 x dankbar, 07.03.2017

  • In der Nachschau, weil ich gestern zu müde war:
  • Ein sehr langes und sehr nettes Telefonat mit dem Ex-Freund (eeh, Exexexexex-Freund eher) – ich glaube, das beste was wir je hatten seit der Trennung 2005
  • Den Friseurtermin überlebt – allerdings nur mit Schummeln und Vermeidung dass die Schwarte kracht. Ich sehe es mir nach, weil ich gerade auch eine schlechte Ausgangssituation habe
  • Lecker Sushi gegessen! (schon seit Wochen drauf gefreut, mir das mal wieder zu gönnen)

Wie alles begann – Agoraphobie und andere Ängste, Teil 2

Nun hatte ich also verstanden und erfahren, dass ich Angst hatte. Diffuse Angst davor, das etwas Schlimmes passieren könnte. Und konkrete Angst davor, verrückt zu werden. Ich sprach nicht darüber, denn ich fühlte mich schon so verrückt, dass ich befürchtete, die Verrücktheit würde sich mit dem Aussprechen meiner Gefühle richtig Bahn brechen.

Ich hatte Alpträume, Herzrasen.

Ich lebte mein Leben. Ich blieb unauffällig. Ich war eine gute und brave Schülerin, die aber auch ihre Meinung sagen konnte. So richtig angepasst war ich nie. Ich kaufte mir Schuhe in Schwarz und das gleiche Paar noch einmal in Pink und trug immer je eine Farbe an einem Fuß. Und trotzdem war ich nicht ich. Konnte mich niemandem zeigen. Und trug meine Angst jeden Tag mit mir herum.

Ich hatte Angst etwas zu essen, dass Übelkeit auslösen konnte. Ich aß keine Pilze, keinen Fisch, keine Mayonnaise. Ich aß eigentlich nie auswärts und wenn dann nur mit Angst.

Auf Klassenfahrten und -Ausflügen reagierte ich schon Tage bis Wochen vorher mit Angstgefühlen, dort angekommen, hatte ich Schlafstörungen und körperliche Beschwerden.

Ich war aber auch Klassensprecherin.

In Kaufhäusern hatte ich manchmal Panikattacken. Ich fühlte mich im Neonlicht in Klassenzimmer unwohl. Ich ging nicht mit meinen Freundinnen zum Schwimmen. Aber das durfte ich auch gar nicht. Denn das war Teil eines Vermeidungsverhaltens, das gar nicht meines war: Meine Mutter hatte Angst um mich. Sie erlaubte wenig. Ich durfte so gut wie nie bei Freundinnen schlafen. Ich durfte nicht auf Jugendfreizeiten. Ich durfte nicht alleine mit dem Rad zu meinen Freundinnen fahren. Ich durfte abends nicht ins Kino gehen. Und wenn ich doch etwas durfte, dann wurde ich von ihr im Auto hin gebracht und zu einer vorher vereinbarten Zeit wieder abgeholt. Und wenn ich nicht pünktlich dort aus dem Haus trat, klingelte sie und kam rein und schimpfte mit mir. Auch als ich schon 15, 16, 17 war. So viel Scham.

Es gab also gar keine Fragen. Die Sachen, vor denen ich Angst hatte, die durfte ich nicht machen. Also bemerkte auch niemand meine Angst.

Irgendwann in dieser Zeit zwischen 13 und 16 las ich einen Artikel in einer Frauenzeitschrift, der krankhafte Angst und Agoraphobie thematisierte. Zwei kurze Seiten, oberflächlich. Aber für mich eine Erleichterung! Ich war gar nicht verrückt! Danach ging es mir über einen richtig langen Zeitraum richtig viel besser. Der Artikel hatte einen Teil der Ängste von mir genommen.

Dann kam der Sommer in dem ich mit meiner Mutter (wem sonst?) nach England in den Urlaub fuhr. England, war ein Traum für mich. Zwei Wochen mit meiner Mutter auf einem winzigen Bed- and Breakfastzimmer eher ein Alptraum. Diese Frau, die meine beste Freundin sein wollte, aber meine Mutter war. Und ich voller Teenager-Sehnsucht nach Freiheit und Abenteuer. Voller Sehnsucht nach meinen Freunden und Eigenständigkeit. Andere machten zu der Zeit schon Interrail. Ich hätte mich mit niemand anderem als mit meiner Mutter in den Urlaub getraut.

Beim Einkauf in einer Boutique in Torquay hatte ich dann wieder eine meiner schlimmsten Panikattacken. Es überfiel mich einfach. Hitze, Schwindel, Übelkeit, Herzrasen. Wir mussten den kleinen Laden fluchtartig verlassen.

Den Rest des Urlaubes verbrachte ich in diffuser Angst. Auf der Hinfahrt hatte mir der Aufenthalt in London auf dem Bahnhof noch gefallen, konnte die Fährfahrt trotz Ängsten als Abenteuer erleben. Die Rückreise war eine einzige Tortur. Angst, Angst, Angst. Gefahr, überall Gefahr.

Daran inwieweit sich neuerlich erlebte heftige Panikattacke nach meiner Rückkehr auf  meinen Alltag auswirkte, kann ich mich nicht erinnern. Das 10. Schuljahr scheint  mir dennoch ein recht fröhliches Jahr gewesen zu sein. Aber klar war, dass ich nicht mit auf die große Klassenübergreifende Jahrgangsstufenfahrt zum Ski fahren mit fahren würde. Niemals! Obwohl ich gut integriert war, nette Freunde und Freundinnen hatte. Niemals wäre ich mit auf diese Fahrt gegangen. Aber auch da, keine Frage: Meine Mutter fand es gut, dass ich nicht mit fahren würde. Sie wollte mich ja kontrollieren können. Sie fragte auch nicht, warum ich nicht fahren will. „Keine Lust“ reichte ihr als willkommener Grund.

Erst schoben wir das fehlende Geld vor. Da gab es aber Zuschüsse und Hilfen. Alle wollten mir das Mitfahren ermöglichen.

Dann tat ich so, als würde ich aus Umweltschutzgründen nicht mit fahren wollen. Skifahren? Nein? Das zerstört die Umwelt. So konnte ich zu Hause bleiben. Traurig und froh zugleich. Ich fühlte mich ausgeschlossen und einsam.

Hier geht es zu Teil 1

Teil 3

Wozu?

Um über meine Vergangenheit zu schreiben, einen Weg in die Zukunft zu ebnen, aber vor allem um zu lernen im ewigen Jetzt zu leben und zu atmen.

Ich habe mich mein Leben lang versteckt. Und nun will ich mich zeigen. Zwar anonym, was ja ein Widerspruch ist, aber dafür weltweit – weil wir uns hier ja im www befinden.

Schreiben war mir immer ein Ventil und eine Möglichkeit mich ins Leben zurückzuziehen – raus nämlich aus Geschäftigkeit hinein ins Hier und Jetzt. Es muss doch eine Möglichkeit geben, ein aufrichtiges Leben zu führen, eines ohne Masken und Ausflüchte. Ein Leben voller Respekt und Selbstrespekt, einfach so, wie es ist.
Ich mache das für mich. Und vielleicht aber auch für Dich, weil Du Dich in manchem vielleicht wieder findest. Mir hat das oft geholfen. Ein Songtext oder ein Artikel in einem Fanzine, heute vielleicht manchmal ein Blogartikel. Obwohl ich eigentlich keine Blogleserin bin.

Fakten: Ich bin knapp über 40 Jahre alt, Mutter einer 5-jährigen, seit meiner Kindheit agoraphobisch, erlebte subtilen(?) emotionalen Missbrauch durch meine Familie, ich bin hochsensibel, Synästhetikerin, relativ klug und unglaublich dumm. Ich habe Multiple Sklerose und der Vater meines Kindes ist trockener? Alkoholiker, d.h. coabhängig war/bin ich auch noch. Ich habe Stärken und Schwächen, genau wie jeder Mensch. Es ist unangenehm, all dies hier so zu schreiben, – klingt es so, als würde ich mich für einen besonderen Menschen halten? Manchmal tue ich das. Aber deshalb nicht unbedingt besonders toll. Ich habe nur schon immer meine eigenen Gedanken gedacht und nie einen Platz gefunden. Ich kann mich zu keiner Gruppe zugehörig fühlen. Ich esse hauptsächlich vegetarisch, bin aber keine Vegetarierin, Veganerin auch nicht, obwohl ich oft vegan koche und backe. Ich mag keine Dogmen und ich mag mich auch nicht festlegen. Das Leben ist ein Fluss und ich bin Teil des Wassers, – oder möchte es sein. Oft bin ich auch die, die versucht sich am Ufer festzuhalten.